Vom elterlichen Bauchgefühl
Ich oute mich heute mal als Morgens-Immer-Wenn-Das-Baby-Schläft-Windelbog-Leserin. Damals, mit dem ersten Kind, 2003, hatte ich weniger Zeit zum Lesen, weil das Kind meist im Tragetuch vor mir hing und ich es nicht direkt vors Notebook setzen wollte. Außerdem gab es damals weniger Blogs. Heute staune ich manchmal, dass manche Diskussionen ähnlich dramatisch verlaufen wie damals in diversen Foren. Damals, als ich schon vor der Geburt Fachliteratur zum richtigen Tragen, richtigen Stillen und richtigen Schlafen verschlungen habe. Dann kam mein Sohn, und mit ihm der Abgleich von Theorien und Realität. Das Stillen klappte nicht, trotz Stillberatung, geduldiger Hebamme und guter Literatur war die Milch nach 8 Wochen weg, ich das heulende Elend (in Deutschland nicht zu stillen gilt zumindest in akademischen Kreisen als persönliches Versagen), im Geiste einen allergiegeplagten, übergewichtigen, asthmatischen Sohn vor mir (der heute kerngesund und gertenschlank ist). Das Tragen klappte dafür um so besser, am liebsten und besten rund um die Uhr. Ich habe es genossen, wenn der Papa nach Hause kam, überhaupt mal allein auf die Toilette gehen zu dürfen. Anderes Thema: Beikost: wollte das Kind unbedingt schon nach vier Monaten, sollte es aber eigentlich erst nach sechsen – irgendwann haben wir nachgegeben und das Kind war glücklich. Schlafen: ich war gegen das eigene Kinderzimmer, wollte meinen Sohn neben mir haben, ihn atmen hören. Mein Sohn wollte aber mich nach einigen Wochen weder atmen noch wühlen hören – ich habe ihn irgendwann probehalber ins eigene Bett im Zimmer nebenan gelegt, wo er selig lächelnd ein- und durchschlief.
In Kitas, beim Pekip und Babyschwimmen, das man so als Erstlingsmutter besucht, um dem Kind auch ja keine frühkindliche Entwicklungschance zu nehmen, wurde und wird man dann gefragt: Stillst du nach Lothrop, schläft dein Kind nach Ferber? Nein, meine Kinder haben sich beim Essen wie beim Schlafen nach ein paar Monaten einen Rhythmus angewöhnt, nicht von uns aufgezwungen, sondern selbst gewählt, mit dem sie von Tag zu Tag besser klar kommen. Wenn wir Eltern diesen Rhythmus durchbrochen haben, war und ist der Tag im Eimer (gemäß dem anthroposophischen Motto “Rhythmus ersetzt Kraft”). Auch heute noch, mit 3 Kindern, schöpfen wir viel Kraft aus der Regelmäßigkeit: gemeinsame Mahlzeiten zu relativ festen Zeiten, fixe Schlafens- und Ausruhzeiten, Zeiten für Aktivität und Zeiten für Ruhe. Ich habe mit der Zeit weniger gelesen und öfter meine Kinder angeschaut (oder vielleicht habe ich genau so viel gelesen wie vorher, das Gelesene aber weniger ernst genommen und nicht immer darüber nachgedacht, es sofort im Alltag anzuwenden).
Als ich klein war, gab es die Theorie, ein Kind zu tragen verwöhne es und ein Kind nachts zu beruhigen, sei äußerst ungesund für seine Entwicklung. Meine Mutter hatte diese Theorie verinnerlicht und hat mich wenig getragen und nachts schreien lassen. Mein Vater fand beides unerträglich und trug mich, wann immer er konnte und schaukelte nachts mein Bett und streichelte mich ich den Schlaf, bis er nach ein paar Monaten mit Sehnenscheidenentzündung im rechten Handgelenk krankgeschrieben wurde. Ich habe (man muss wohl sagen TROTZ dieser haarsträubenen Theorie dank völlig theorie-unbelecktem und eher intuitivem Vater) keinen Schaden davongetragen, und wenn ich aus dem Bauch heraus entscheiden sollte, wer meine Bedürfnisse in der Kindheit völlig ohne Erziehungsratgeber mehr erfüllt hat, tippe ich auf meinen Vater.
Als Kind 1 den Eindruck machte, als stehe es stabil mit beiden Beinen mitten im Leben, haben wir die kleine Schwester ins Rennen geschickt. Bei ihr war ich in puncto Stillen, Schlafen und Essen wesentlich entspannter. Und siehe da, das Stillen klappte hervorragend, das Schlafen am liebsten direkt neben den Eltern, das Töchterlein schlief gern auch mal im Kinderwagen statt im Tragetuch, das Essen war völlig unspannend für sie. Trotzphasen gab und gibt es einige, aber bei uns weder eine ruhige Treppe noch einen ruhigen Stuhl – nur (an den meisten Tagen) genügend Geduld. Und weil das Leben mit dem Tochterkind so unspektakulär ruhig verlief, hatte die Familie noch Platz für Nummer 3 – auch die wieder völlig anders, ein pummeliges Stillkind mit großem Hunger auf Broccoli und Blumenkohl statt Pastinaken- und Hirsebrei. Getragen werden wollte sie gern, aber auch nur, bis sie sich selbst fortbewegen konnte. Dann wurde Kullern, Krabbeln und Stehen wichtiger als das Tragetuch.
Was ich mit dieser Aneinanderreihung von Anekdoten eigentlich nur festhalten wollte ist Folgendes: Erziehungsratgeber sind sinnvoll, können den einen oder anderen Impuls geben, zum Nachdenken bringen, die Eltern in dem bestätigen, was sie tun. Erziehungsratgeber und Bücher über kindliche Entwicklung sind sinnvoll, sehr sinnvoll, aber häufig Dokumente ihrer Zeit (s.o.) – UND sie können nicht den Blick aufs Kind und seine Bedürfnisse ersetzen – vielleicht nenne ich es Erziehung mit Bauchgefühl. Das heißt jetzt nicht, dass man nur aus dem Bauch heraus Wünsche erfüllen sollte, aber vielleicht öfter mal ins Kind hineinhorchen, was es jetzt eigentlich braucht. Bedürfnisse halt. Und, wie Kassiopeia schreibt, Bedürfnisse von Wünschen unterscheiden lernen. Und bei Wünschen wiederum zwischen sinnvollen und unsinnigen unterscheiden lernen. Vielleicht auch manchmal feststellen, dass manche Theorie nichts taugt, weil das Leben uns eines Besseren belehrt.
“Wissen Sie”, sagte letztens unsere sehr kompetente Kinderärztin zu mir, als wir über Stillen, Elternbett, Trotzphasen u.ä. sprachen, “ich habe hier im Lauf der letzten Jahrzehnte so viele Kinder gesehen, die glücklich groß wurden, manche von ihnen gestillt, manche mit Flasche, manche im eigenen Bett, manche im Elternbett, die einen mit ruhigem Stuhl, die anderen mit ruhigen Eltern, dass ich irgendwann davon abgesehen habe, Ratschläge zu geben, wenn ich den Eindruck hatte, dass beide Seiten damit glücklich waren.”
Spannend finde ich beispielsweise, dass Kinder bei gleicher Erziehung völlig unterschiedlich werden – kleine Ü-Eier. Eine gute Freundin von mir wuchs mit vier Kindern auf, und jedes wurde ein wenig anders: eine Karrieretochter, eine Tochter, die mit Kindern und Familie glücklich wurde, ein schwuler Sohn und ein Pastor. Und die Mutter? Sagte, sie sei einfach nur glücklich, da sie offenbar jedem Kind ermöglicht habe, seine eigene Persönlichkeit zu entdecken und zu leben.
Persönlichkeit – das ist es, was ich mir für meine Kinder wünsche, inmitten eines Bildungssystems, das irgendwo darauf angelegt ist, stromlinienförmige Menschen zu reproduzieren. Auf dem Weg dorthin haben mir alle Ratgeber, so sehr ich sie auch mag (insbesondere Maria Montessori und Jesper Juul), bislang weniger geholfen als das stete Zusammensein mit den Kindern, das Reden, Im-Dialog-Bleiben und Augen-Aufhalten für ihre Entwicklung.

Schöner Artikel! Mein grösster Wunsch ist, dass unsere ÜEier sich auch so frei entfalten können!
Das hast Du ganz toll geschrieben!
LG
Peggy
Und genauso ists !
Ich weiss noch wie wir beide uns gegen die massiven Anfeidungen der “StilldogmenMütter” gewehrt haben, zumal wir nu wirklich nix gegen tun konnten, das “Stillversagen” .
Wer auf seine und die Bedürfnisse der Kinder achtet und für einen geregelten Ablauf sorgt wird belohnt mit tollen Kindern
Liebe Grüsse
Sabine
grins
während ich das hier las, dachte ich “jesper juul” (ich war total ergriffen von dem buch “das kompetente kind”) und siehe da- am ende steht der name ;D
ich sehe es genau so mit den 3 ü-eiern samuel, luzia und teresa. alle drei aus einem förmchen und dennoch völlig unterschiedlich. echt toll und lässt mich -lässig- staunen!!
lg eva