Erschöpft

bin ich heute, ungefähr so, als hätte ich eine fünfstündige Klausur geschrieben oder einen 10.000m-Marathon zurückgelegt. Dabei stand gar nicht ich heute im Mittelpunkt des Interesses, sondern meine kleine große Tochter. Seit einigen Wochen habe ich auf den heutigen Termin hingebibbert, an dem dem Kind die Polypen herausgenommen und Paukenröhrchen eingesetzt werden sollten. Für die operierenden Ärzte nur ein Routine-Eingriff, war es für mich das erste Mal, dass ich das Leben meines Kindes in wildfremde Hände gelegt habe. Entsprechend unruhig und ängstlich war ich …

Glücklicherweise hatte Kai Urlaub und das Babykind saß zur Abwechslung mal auf seiner Hüfte – Paula musste derweil Beruhigungssaft schlucken und mit einem 500mg-Paracetamol-Riesen-Z.ÄP.F.CHEN kämpfen. (bitte, wer kommt denn auf die Idee, Zäpfchen mit einem Durchmesser von einem Zentimeter an so kleine Kinder zu verabreichen?) Ich weiß nichts über die chemische Zusammensetzung dieses Beruhigungssaftes und welche Gehirnregionen er an- und abschaltet, aber die halbe Stunde, die Paula gebraucht hat, um zur Ruhe zu kommen, hatte etwas von einem Drogentrip à la ”Trainspotting”: wechselweise erzählte mir meine Tochter, hinter der Wand seien Wespen, die Wand sei jetzt weg, sie könne den Staub fühlen, der durch den Raum fliege, hinter der Liege befinde sich ein Baby, die Decke sei gespalten, an der Wand befänden sich drei Uhren und in meinem Ohr drei Ohrenkneifer. Im OP erwartete uns eine sehr freundliche Anästhesistin, die uns von ihrer Tochter erzählte, von Lillifee-Schlafmilch und Glitzer-Prinzessinnenträumen, und da schlief meine kleine Prinzessin auch schon. Dann Warten. Warten ist schlimm. Beim Warten darf man nicht darüber nachdenken, dass man über die Risiken der gerade laufenden OP aufgeklärt wurde. Beim Warten kreischte ein Kind im Aufwachraum in den allerhöchsten Tönen, schlug um sich, fiel von der Liege und erbrach sich. Beim Warten tut man gut daran, gar nicht zu denken und stumpf auf das Gipsbein der gegenüberliegenden Patientin zu starren. Schließlich durften wir zu unserer Tochter, die erschöpft narkotisiert schlief. Und schlief. Und schlief. In den Räumen um uns herum wurden alle anderen parallel operierten Patienten langsam wach, nur mein kleines Mädchen schnorchelte immer noch. Als notorisch misstrauischer Mensch begann ich mich irgendwann nach einer Stunde zu fragen, ob die Narkose zu stark war, das Kind jetzt niemals mehr wach würde, ob Dauerschlaf auch zu den OP-Risiken gehörte – kurz gesagt, ich wurde füchterlich unruhig neben dem schlafenden Kind und begann, es sanft zu streicheln und ein wenig zu kitzeln. Ob es nun mein Kitzeln war, meine Unruhe oder einfach Zeit zum Aufwachen – Paula wurde wach und lachte, sagte, “Ups, bin ich wohl eingeschlafen!” und “Wo bin ich denn jetzt?” – und begann dann zu weinen. Ich war noch nie so erleichtert über ein weinendes Kind wie heute morgen. Jetzt ist Well-Being angesagt mit Gummibärchen, Apfelsaft pur, Fruchteis (Tipp des entlassenden Arztes: Kaufen Sie dem Kind doch jetzt SOFORT ein Fruchteis!) und allen vorhandenen “Lauras Stern” DVDs. Und ich bin einfach nur müde, unendlich erleichtert und so gar nicht in der Stimmung, morgen wichtige Gespräche zu führen …

One Response to “Erschöpft”

  1. Peggy says on :

    Schön, dass alles gut gegangen ist ! Habt Ihr Euch von den Strapazen erholt??? Hatte sie Bauchschmerzen vom Eis :) ?

    LG
    Peggy

Leave a Reply