Stimme abgegeben
Und entgegen der Hoffnung Befürchtung der Kinder kann ich immer noch sprechen …
Und entgegen der Hoffnung Befürchtung der Kinder kann ich immer noch sprechen …
Mich gibt`s dreimal, oder fünfmal – ich weiß es nicht. Heute morgen, als ich vom Einkaufen kam, grüßte und winkte ein Busfahrer wild aus dem Bus heraus - hinter und neben mir befand sich kein anderer Mensch, also musste er wohl mich gemeint haben. Das erinnerte mich daran, dass es in meinem Leben oft ähnliche Situationen gegeben hat. Auf der Säuglingsstation wollte mich der Vater eines anderen Mädchens, das am selben Tag geboren war, mit nach Hause nehmen, in der Annahme, ich sei seine Tochter (Rooming in war damals noch ein Fremdwort). Irgendwann kurz vorm Abitur grüßte mich im Zug ein sehr freundlicher älterer Herr und bedankte sich noch einmal für die gute Beratung. Als ich irritiert fragte, welche Beratung er meine, entgegnete er, na ich hätte ihm doch so prima geholfen damals im Karstadt in der Dessous-Abteilung beim Geschenk für seine Frau. Ein paar Jahre später fiel mir ein wildfremder Mitstudent um den Hals und schwelgte in Erinnerungen an den tollen Strandurlaub in Spanien. Andere Studenten quatschten mich in der Mensa an und wollten von mir wissen, ob man Jura in Verbindung mit Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften auf Magister studieren könne, ich sei doch die Doris von der allgemeinen Studienberatung des Asta. Der Witz ist: It wasn`t me, never ever. Nur frage ich mich, wie fürchterlich durchschnittlich mein Gesicht sein muss, damit ich all diese Rollen ausfüllen kann
…
“Schau mal”, sprach der Sohn heute auf dem Weg zur Schule. “Schon wieder wird ein Kind vermisst. Da hängen überall Fahndungsplakate.” Und deutete dabei auf Wahlwerbung der FDP mit Großaufnahme von Herrn Westerwelle.
(bei der FDP und den anderen kleineren Parteien waren wir bedauerlicherweise im Rahmen der politischen Aufklärung trotz der wirklich tollen SPIEGEL-Ausgabe für Kinder noch nicht angelangt, aber unsere Bundeskanzel Frau Merk und Herrn Steinbeißer erkennt das Kind schon von weitem und verwechselt es auch nicht mehr mit vermissten Kindern …)
Genau wie vor vier Jahren, als wir mit dem großen Tochterkind frühmorgens aus dem Geburtshaus nach Hause fuhren und die Welt uns wie verzaubert erschien, als wir einen ganzen Sonntag nur schauend und staunend im Bett verbrachten, mit Traubensaft, leckerem Essen und unendlich viel Ruhe. Es war, als hätte jemand die Zeit angehalten. Dafür ist sie danach um so schneller vergangen! Herzlichen Glückwunsch, kleine Fee!
Gestern rief ich dem großen Tochterkind – neben einigen anderen Dingen – noch hinterher, es möge sich doch noch bitte eine Jacke anziehen, bevor es in den Garten ging. Statt “Jaja” antwortete sie diesmal ganz einfach: “Aber das hörte die Krähe schon nicht mehr, denn sie war schon tief drinnen im Krähenwald” – sprachs und marschierte ohne Jacke nach draußen. Das hat man nun davon, wenn man Kindern solche Geschichten vorliest …. (Danke, liebe Uta, für den Lesetipp!)
… gibt es ein paar Tage, an denen riecht es wie im Frühling. Das Licht flirrt, die Luft perlt beim Einatmen und verursacht einen Leichtsinn in Kopf und Bauch, dass ich mich regelmäßig fühle wie kurz nach dem Abitur und vor dem Aufbruch in die große weite Welt. Gestern war einer dieser Tage, der mich an die vielen anderen leichtsinnigen Herbsttage erinnert hat – und leicht und beschwingt habe ich abends um 21 Uhr im Dorfsupermarkt Sekt und Häagen-Dazs Eis gekauft. Heute hingegen ists vorbei mit dem Leichtsinn in der Luft, es regnet und ist kühl; Zeit für Zimt-Apfel-Muffins, einen ausgiebigen Mittagsschlaf und Wirsing-Pilz-Pfanne. Alltag ist die beste Therapie, und auf die nahe liegenden Dinge kommt man oft erst ganz zum Schluss …
- “Mach doch mal ein Jahr frei und nicht so einen Stress”, sagt die gute Freundin.
- “Arbeite doch freiberuflich, also ICH könnte das gut”, sagt der Mann, nachdem er meinen wirren Gedankengängen lange verständnisvoll zugehört hat.
- “Nehmen Sie doch den nächsten 40+X Stunden Job”, sagt die akademische Beratung beim Arbeitsamt.
- “Lass dir doch ne Fortbildung verordnen”, sagt die Schwiegermutter.
- “Lass doch das Baby noch ein Jahr zu Hause”, sagt die Mutter.
- “Kommen Sie doch nach JWD, da wartet eine spannende Herausforderung auf Sie”, sagt die Headhunterin.
- “Kochst du mir IMMER das Essen, ich mag nicht in der Kita essen”, sagt das Tochterkind.
Prima, dass alle genau wissen, was ich tun soll. Nur ich selbst nicht. Erstmal Nase putzen …
… ich mag mich nicht damit abfinden, dass der Sommer 2009 schon zu Ende sein soll. Bitte noch mehr sonnige Nachmittage, überfüllte Planschbecken, verschwitzte Kinder, laue Abende, leckere Grillparties und Laternen in Bäumen (und Kinder, die darunter stehen und “Ich gehe mit meiner Laterne” singen …)
… unter Eltern wünsche ich mir manchmal. Tatort Schulhof: Eltern warten mit Erstklässlern auf das Eintreffen der Lehrerin. Ca. fünf Mütter haben sich zusammengeschlossen und sind sichtlich aufgeregt bis erbost. Als die Lehrerin eintrifft, umringen sie die Ahnungslose und reden auf sie ein: “Frau H., die Hausaufgaben, wir verstehen die Hausaufgaben nicht. Die Jaqueline auch nicht. Wie soll sie das machen? Die Anlaute, wie das mit den Anlauten geht? Sie versteht immer Poppe statt Puppe. Die Jaqueline hat schon Bauchschmerzen deswegen. Wir wissen alle ÜBERHAUPT nicht weiter, und wir wollen doch ALLES richtig machen!” Die Lehrerin blieb SEHR entspannt, wies darauf hin, dass aller Anfang schwer sei, erklärte geduldig und beschwichtigte. Nach zehn Minuten einigten sich die Mütter darauf, sich nachmittags noch einmal zu treffen (Selbsthilfegruppe zum besseren Verständnis der Hausaufgaben?). Bitte nicht falsch verstehen: ich finde es gut, dass sich Mütter um Hausaufgaben kümmern, auch gut, dass sie Rücksprache mit der Lehrerin halten. Nicht gut aber, dass 1:1-Gespräche episch und für alle hörbar in die Breite gezogen werden, auch nicht gut, dass Jaqueline Bauchweh hat (Warum hat sie Bauchweh? Wer hat ihr eingebimst, dass korrekte Hausaufgaben überlebenswichtig sind?). Hallo, wir befinden uns zwei Wochen nach Schulanfang, nicht zwei Wochen vorm Abitur. Manchmal habe ich den Eindruck, einige Eltern haben jegliches Maß an Gelassenheit bezüglich der Leistungen ihrer Kinder verloren … es handelt sich um Erstklässler, eben waren es noch Kindergartenkinder, Anlaute sind auch nur Anlaute und eine Hausaufgabe ist eine Hausaufgabe, kein Weltuntergang und keine verpatzte Karrierechance … (und je länger man so vor sich hin-eltert, desto besser weiß man doch eigentlich auch, dass man gar nicht ALLES richtig machen kann, und das ist vielleicht auch gut so!)