Schlüssel-Erlebnis
Irgendwann, ich war noch nicht lange in der neuen Stadt und im neuen Job, habe ich abends zusammen mit einem Kollegen, der ebenfalls noch nicht lange und neu in der Stadt und im Job war, das ein oder andere Glas Wein geleert. Es muss so gegen 1 Uhr nachts gewesen sein, als ich mich mit dem Fahrrad auf den Weg nach Hause machte. Auf dem Rücken meinen etwas löcherigen Rucksack (klar, ich arbeitete in einem Start Up und hatte weder Zeit noch Geld für ordentliche Taschen
) . Im Dunkeln fuhr ich über einen Gullideckel, es klirrte metallisch und in diesem Augenblick wusste ich, das war mein HAUSTÜRSCHLÜSSEL. Fluchend fuhr ich zurück zum Kollegen, alarmierte den Schlüsseldienst und strampelte nach Hause. Dort erwartete mich bereits ein älterer Herr, der angesichts meiner Wohnungstür (von deren kompliziertem Innenleben ich bislang nichts wusste) verzweifelt die Hände über dem Kopf zusammenschlug: “Hooochsicherheitstür, fünf Schlösser, die Tür können Sie vergessen, wenn ich die öffnen muss, ganz zu schweigen von den Nachbarn, wenn sie mitten in der Nacht diesen Lärm hören!” Als er mein verzweifeltes Gesicht sah, meinte er begütigend, “Na, ja, ist doch nicht so schlimm! Wo haben Sie den Schlüssel überhaupt verloren?” Ich erzählte ihm vom Klirren, vom Gulli und dem rauschenden Abfluss, den ich unter dem Gulli hörte und in dem ich meinen Schlüssel bereits irgendwo auf dem Weg zur Kläranlage wähnte. So, und nun beginnt der Teil der Geschichte, bei der der Mann an meiner Seite (der damals noch nicht der Mann an meiner Seite war) stets meint, das sei ja reines Seemannsgarn. Der freundliche ältere Mann nämlich machte ein ganz entschlossenes Gesicht, packte mein Fahrrad in seinen Lieferwagen und sagte “Wollen wir doch mal sehen, ob wir den Schlüssel im Gulli nicht wiederfinden!” Da mir der Weg in die Wohnung versperrt war und ich eh nichts anderes mehr vorhatte, stieg ich mit ihm ins Auto und lotste ihn quer durch die Stadt zum Gulli, wo der Gute mit einer Riesen-Taschenlampe ausstieg und die Unfallstelle gründlich ausleuchtete. Kurze Zeit später rief er “Daaa, da glitzert was!”, hüpfte in Windeseile zum Lieferwagen, kramte eine Weile, bis er einen Riesen-Magneten fand, den er durch die Gulli-Löcher herunterließ, hinaufzog, und da war er – mein Schlüssel! Mit Schlüssel, Schlüsseldienst und Fahrrad ging es ab durch den jungen Morgen nach Hause (unterwegs erzählte mir der stolze Herr noch, dass man mit Beharrlichkeit zum Ziel komme und er schon hochkarätige Persönlichkeiten und Honoratioren der Stadt mitten in der Nacht von Handschellen befreien musste, in die sie sich im wilden Sex-Spiel verwickelt hatten) – und da war ich schließlich wieder zu Hause. Etwas ängstlich fragte ich den Guten, wieviel Schrillionen Mark er für seine Dienste nun haben wolle, und da sprach er: “Einen heißen Kaffee – und geben Sie mir mal 20 Mark!” Gegen sechs Uhr morgens landete ich schließlich in meinem eigenen Bett in meiner eigenen, nicht-demolierten Wohnung. Warum ich diesen Sermon schreibe? Heute klemmte unser Haustürschloss, wir dachten darüber nach, den Schlüsseldienst zu rufen und ich ärgerte mich, dass ich damals nie, nie die Adresse meines Retters aufgeschrieben habe … (manchmal möchte ich ihm noch nachträglich einen Kuchen backen …)

Das ist auch so eine von diesen Geschichten, die sich hinterher noch viel toller anfühlen, als mittendrin im Erleben. Hach. Mir hat\’s gefallen (egal ob Seemannsgarn oder nicht
)
Hallo, durch Zufall “katobia” habe ich mal hier in dem Blog geschaut und diese “wahre Geschichte” aus dem “wahren Leben” gelesen. Da hat man doch gleich den Eindruck, dass die Leute zu Mark-Zeiten nicht so habgierig waren wie heute.
Lieben Gruß von Clara