Je weniger, desto besser
In Kindergarten und Schule dreht sich derzeit viel ums Essen, und ich finde das ganz toll, weil man als Eltern mit seinem Vollkornbrot, Obst und Gemüse nicht allein auf weiter Flur steht, sondern vormittags tatkräftig von Autoritäten (niemandem außer den Eltern glaubt ein Kind mehr als der Grundschullehrerin
) unterstützt wird. Schön auch, wenn das Tochterkind einen Lolli auswickelt, dreimal dran leckt (damit die Zunge orange wird), ihn dann etwas angewidert in den Müll wirft und sich eine Banane holt – ohne dass ich in den Predigermodus schalten muss. Und noch viel schöner, dass frisches, gesundes Essen gut schmeckt und die Kinder das auch merken.
Als ich Kind war, sprach man in Kindergarten und Schule nicht darüber, wie man dem Körper mit gesundem Essen Gutes tut. Da meine Eltern mit anderen Dingen beschäftigt waren (s.u.), gab es für mich nur selten warmes Essen, ich habe mich ähnlich wie Pippi Langstrumpf irgendwie ernährt: von Kuchen, Cornflakes, Fertigpizza und Co. Ich war nicht dick, aber zeitweise ein richtiges Pummelchen, und Bilder aus meiner Kindheit schaue ich mir immer noch nicht gern an. Irgendwann dann, mit 13, stand ich vor dem Spiegel, fand mich unerträglich fett und hungerte mich fortan mit einem Apfel und einer Scheibe Knäckebrot jeden Tag ein bisschen mehr weg, bis ich bei einer Größe von 175cm bei 39 Kilo angekommen war. Bezeichnenderweise merkten das nicht meine Eltern, sondern meine Sportlehrerin.
Mitte der 80er bestand die Anorexie-Therapie in den Kliniken der Umgebung in Bettruhe mit Magensonden. Ich habe mich gesträubt, geweigert und gesperrt, und meine Eltern (die Besseres zu tun hatten), haben kapituliert. Irgendwann im Sommer stand ich im Garten, im üppigen, prallen Grün und wusste, ich wollte leben. Und zum Leben gehörte auch Essen. Irgendwie. Und von da an ging es, und ich lernte schrittweise und unter Mithilfe einiger lieber Menschen, richtig und mit Genuss zu essen.
Anfangs war da noch der besorgte Blick auf die Waage, aber je mehr ich lebte, desto unbedeutender wurde er. Als ich schwanger war, nahm ich zu, danach dann wieder ab, ohne Diät – und bin, habe ich letztens festgestellt, wieder beim Ausgangsgewicht, das irgendwann einfach wieder da ist, nach allen Schwangerschaften …
Und je weniger ich über das Essen nachdenke, womit ich endlich dabei wäre, was ich eigentlich sagen wollte, desto besser ist es. Kein verkrampftes Kalorienzählen, gutes Essen mit Genuss und in Gemeinschaft – ich wünsche mir, dass meine Kinder das mitnehmen aus ihrer Kindheit, sich weder überfressen, wenn sie groß sind noch meinen, unästhetischen Model-Maßen nacheifern zu müssen. Ich wünsche mir, dass sie ihrem Körper niemals den Krieg erklären, sondern gut mit ihm umgehen …
