Ist das bei anderen Menschen eigentlich auch immer so, dass tagelang nichts passiert und dann alles innerhalb von Minuten? Heute mittag am Bahnhof: Ich verlasse rückwärts fahrend meine Parklücke, in ca. 10m Entfernung steht ein Auto mit Fahrerin drin. Gut, denke ich, die wartet, und fahre heraus. Wumm … Plötzlich steht das Auto direkt hinter mir, die Fahrerin steigt aus und sagt: “Haben Sie mich nicht gesehen?” Ich gebe zu, in solchen Situationen nicht besonders schlagfertig zu sein und sagte, “Doch, aber Sie standen eben noch dahinten!” Wie sollte es sein, die Gute wollte in meine Parklücke, und die Reihenfolge von Ausparken und Einparken war irgendwie nicht richtig eingehalten worden. Sie und ihre zwei Mitfahrer (alle höchstens 18
) waren jedenfalls der Meinung, der Ausparkende hat Schuld, wobei von Schuld nicht die Rede sein konnte, denn keinem der Autos fehlte etwas – es war ja auch nicht mehr als ein kleiner Stoßstangen-Stupser. “Oh, oh, oh, ich würde in jedem Fall in die Werkstatt fahren, wegen der inneren Schäden und so!”, sprach einer der Jünglinge.
Gut, dachte ich, tut das, lackiert euer Auto neu, lasst euch wegen Aufpralltrauma eine Kur verschreiben, ich muss jetzt los, die Kinder warten, und drückte ihnen meine Telefonnummer und Adresse in die Hand – ich gebe zu, ich fühlte mich kurzzeitig wie Kathy Bates in “Grüne Tomaten” und war versucht zu sagen “Seht es ein, Kinder: Ich bin älter und viel besser versichert” - und während ich noch ins Auto kletterte, klingelte das Telefon. “Guten Tag, Frau P., ich wollte nur sagen, ich schreibe jetzt diese Stelle aus und erwarte Ihre Bewerbung!” Ja, was sagt man da, wenn man vor dreieinhalb Minuten so etwas Ähnliches wie einen Unfall hatte, ein heulendes Kleinkind auf dem Rücksitz und eigentlich nur noch die Decke über den Kopf ziehen möchte. “Ähm, äh, oh, ja, prima!” Angestrengt dachte ich darüber nach, was ich jetzt noch Kluges sagen könnte und beteuerte etwas übereifrig, das sei jetzt ja nun wirklich meine Traumstelle, und ob die staatliche Prüfungskommission denn wirklich ein hundertköpfiges Monster sei, vor dem man monatelang Alpträume haben müsse. (ja, ich gebe zu, ich war einfach verwirrt und nicht vorbereitet). Jedenfalls sagte sie “Also Frau P., machen Sie sich deswegen mal nicht ins Hemd! Wir hören uns dann …”
Ja, da stand ich nun – und binnen fünf Minuten waren zwei völlig konträre Sachen passiert. Ich schätze, ich brauch mal ein Rhetorik-Training für Extremsituationen. Telefonieren bei Auffahrunfällen, Bewerbungsgespräch beim Bungee Jumping, Krisengespräche während der Presswehen und ähnliches …
Hoffentlich bin ich nicht jetzt schon aus dem Rennen, weil ich am Telefon nur Ähms und Öhms von mir gegeben habe (OMG – und sowas will bei uns Deutsch unterrichten??) …