Emotional gekräutert

Seit ich in meiner ersten eigenen Stadtwohnung einen kleinen Balkon hatte, liebe ich Kräuter. Den feinen Geruch von Lavendel, die Blüten, die die Kinder getrocknet im Spätsommer auf kleine Säckchen verteilen und im Haus auf den Kopfkissen ablegen, Rosmarin zu Kartoffeln und Quiche, Zitronenmelisse, um einfach die Nase hineinzustecken und einen klaren Kopf zu bekommen, Oregano zu Pizza und Tomatensoße, Majoran in der Kartoffelsuppe, Thymian zum Braten, leuchtendgrünes Pesto mit Tonnen an frischem Basilikum, Bärlauchfrikadellen, Liebstöckel im Nudelsalat  – und wenn ich gerade nicht esse, gehe ich gern nach draußen und reibe meine Finger an den Blättern, schnuppere und träume mich kurz weg in den Süden, irgendwo in eine karge Felslandschaft am Meer. Wo ich bin, müssen Kräuter sein – sonst wäre ich traurig, geruchsamputiert.

In meiner Familie gab es keine Kräuter. Vielleicht Petersilie und Schnittlauch. Und Salz und Pfeffer natürlich. Aber wenig sonst. In meiner Ursprungsfamilie gab es auch wenig Zwischentöne. Es gab Schwarz und Weiß. Salz und Pfeffer. Gut und Böse. Punkt. Bei uns gibt es fröhliche Tage, weniger fröhliche Tage, Durchschnittstage, besonders fröhliche Tage, traurige Tage, Scheiß-egal-Tage, Nochmalinsbettgeh-und-mit-dem-richtigen-Fuß-Aufsteh-Tage, richtig traurige Tage, Ichweißauchnicht-Tage, müde Tage, wirre Tage, Kuscheltage, Anbrülltage, Heultage, Albernherumlachtage, Blödeltage, Browniebackweilallesanderenichtgehttage. Manchmal denke ich, Kräuter in der Küche sind wie Zwischentöne in menschlichen Beziehungen. Wenn sie fehlen, ist das Leben fade. Oder wahlweise versalzen, weil man nicht weiß, wie man sonst Würze hineinbringen soll in den Einheitsbrei.

Ich vergaß: in meiner Familie gab es Fondor. Fondor passte zu allem. Irgendwie. Und ersetzte alles andere. Fondor war wie Dallas und Denver – Gewürze aus der Tüte, Emotionen aus der Dose. Bezeichnenderweise habe ich meine Mutter auch nie weinen sehen, außer beim Fernsehen. Leben ohne Glutamat und soapy emotions ist auf den ersten Blick vielleicht schwieriger, auf den zweiten würziger und auf den dritten erfüllter ;-)

2 Responses to “Emotional gekräutert”

  1. Kassiopeia says on :

    Sehr schön geschrieben… Und so wahr…

  2. katobia says on :

    Ein wunderbarer Text – ich habe beim Lesen so viele Gerüche in der Nase! Ich kenne aus meiner Kindheit auch nur Salz und Pfeffer und habe mir in den letzten Jahre etliche Gewürze “erarbeitet”. Unsere Vormieter haben in unserem Garten eine riesige Kräuterspirale zurückgelassen, die wir gerade nach und nach neu bestücken (da wuchsen im letzten Jahr fast nur Majoran und Liebstöckel, braucht man beides ja eher in geringen Mengen).
    Ich habe jetzt große Lust auf Rosmarinkartoffeln…

Leave a Reply