So viel …

… derzeit um die Ohren, dass die Zeit zum Nachdenken, Spüren, Hören fehlt. Hier im Blog großes Schweigen, im Leben draußen viel Veränderung. Demnächst ich wieder arbeitend, immer noch zweifelnd, ob das alles gut gehen kann, da alle zwei bis drei Wochen eines der Kinder mit Husten, Magen-Darm oder Bindehautentzündung kindergartenuntauglich ist. Da ich gern durchstarten möchte, nicht ständig fehlen, aber auch nicht meine kranken Kinder allein lassen möchte. Kopfzerbrechen, nebenbei schon Vorbereitung aufs neue Schuljahr, so weit das die Zeit zulässt … Überhaupt Zeit. Ich bräuchte mindestens 36 Stunden pro Tag, davon bitte 12 ohne Kinder, denn mit ihnen geht so gut wie gar nichts, nicht einmal ein Gespräch über den Stundenplan im nächsten Schuljahr, weil IMMER, wenn ich den Telefonhörer in die Hand nehme, um ernsthafte Gespräche zu führen, irgend etwas ist – sei es, dass jemand hingefallen ist, auf der Toi.lette Feuchttücher benötigt, dringend ein Butterbrot geschmiert bekommen möchte oder oder …

Noch mehr Wechsel auch bei den Kindern: Die beiden Mädchen gehen ab August endlich in ihre und unsere Traum-Kita hinter den Bergen bei den sieben Zwergen. Das ist schön, aber eben auch anders. Also hier Abschied feiern, Kuchen backen, Abschlussgespräche.

Und dann der Große. Ich habe länger gezögert, hier etwas darüber zu schreiben, weil ich die Klischees kenne, weil ich vielleicht böse Kommentare befürchte, weil es nicht so locker flockig klingt wie so ein Blogcontent doch eigentlich sein sollte. Er war gerade drei Tage sechs, als er in die Schule kam. Alle, von der Amtsärztin über die Sozialpädagogin der Schule bis hin zu den Erzieherinnen hatten uns bestätigt, er sei ein fittes und cleveres Kerlchen, genau richtig für die Schule. Aber die Schule war rückblickend nicht richtig fürs Kind. Das Kind, das schon Rechnen und Schreiben konnte, wurde von Woche zu Woche unglücklicher, fand keine Freunde unter den fußballspielenden und raufenden Jungs, hing dafür mehr mit Mädchen ab – so weit so gut, dachten wir. Bis am Elternsprechtag die Klassenlehrerin ein Fass aufmachte, das uns fast mit umrollte. Das Kind spiele ja nicht mit Jungs, prügle sich nicht einmal (sic!), sei emotional nicht gefestigt (er hatte einmal geweint, als sein Lieblingsbleistift in der Mitte durchgebrochen war), erzähle einfach sehr viel und überhaupt habe sie nicht den Eindruck, er sei ein Schulkind. Nun bin ich ja geübt in pädagogischen Gesprächen und konnte auch meinen Standpunkt deutlich machen. Zu Hause aber habe ich geweint – mehr als einmal. Zum letzten Mal, als der Sohn im Rahmen einer Ausnahmesituation seine Hausaufgaben nicht machen konnte. Die kleine Schwester war mit Notarzt und langem Fieberkrampf ins Krankenhaus eingeliefert worden, ich nicht da, die Kinder völlig verstört. EINMAL hat das Kind seine Hausaufgaben vergessen – wir alle wohl – und es hagelte einen bösen Eintrag. Mein Einwurf, dass wir alle am Vortag eine lebensbedrohliche Situation erlebt hätten, wurde mit einem “Dennoch bleibt es dabei, er hat seine Hausaufgaben nicht gemacht!” weggewischt. Der Sohn, das eigentlich clevere Kerlchen, wurde von Tag zu Tag schul-unlustiger, stellte sich bei einfachen Aufgaben merkwürdig tumb an und verkroch sich morgens unter der Bettdecke, um nicht zur Schule zu müssen. Noch schlimmer auch, dass die Dinge, die ihm vorher sehr viel Spaß gemacht hatten, draußen in der Natur zu sein, zu handwerken, malen und und und … plötzlich auch uninteressant wurden. Wir haben geredet – mit der Lehrerin, mit dem Kind – aber irgendwie änderte sich nicht viel.

Nun saß ich Anfang des Jahres mit Waldorflehrern am Tisch - selbstironischen, ideologiekritischen, weltoffenen Lehrern. Irgendwann kam das Gespräch auf meinen Sohn und die Idee eines Probe-Unterrichts kam auf. Der Sohn hospitierte im letzten Monat eine knappe Woche und kam zum ersten Mal seit Monaten strahlend aus der Klasse: es hatte ihm Spaß gemacht. Tränen, als die Probetage vorbei waren. Und das Tollste für ihn: “Mama, die prügeln sich gar nicht auf dem Schulhof, sondern reden!” Eine Woche konnte ich meinen Sohn, der laut Lehrerin in Mathe “weit, weit hinter den anderen liegt” (sie misst das nicht am Verständnis der Rechenoperationen, sondern an den durchgearbeiteten Seiten im Übungsheft), in selbiger Schule dabei beobachten, wie er Aufgaben im Zahlenraum bis 50 rechnete, ohne dafür seine Finger zu benutzen – mit Leichtigkeit. Glücklich. Wir haben es uns trotzdem nicht leicht gemacht, Bücher gelesen, ich habe in verschiedenen Klassen hospitiert, mit anderen Eltern gesprochen – und anderen Kindern der Schule. Das eine erzählte uns ungefragt, es gucke am liebsten “Mona der Vampir” (so viel zum Medien-Tabu ;-) , das andere, es sei ja gegen alles geimpft, seine Klassenkameraden übrigens auch … (offenbar wenig militante Impfgegner unter den Eltern). Im Kunstraum steht ein Fernseher, der auch benutzt wird. Langer Rede kurzer Sinn: ab nächstes Schuljahr gehen wir unter die Waldis – die Schule befindet sich ca. 10 Minuten von meiner neuen, es gibt eine Ganztagsbetreuung, gutes, vollwertiges Mittagessen – und hoffentlich bald im Leben des Kindes wieder mehr Lächeln und weniger Krampf.

Nein, wir sind keine Eltern, die alles Leid von unseren Kindern fernhalten wollen – ich denke, bei vielen Dingen müssen Kinder lernen, ihren Weg allein zu gehen und auch einmal Dürren durchzustehen, um daran stark zu werden. Aber es gibt ein Maß in meinem Kopf, ein Maß, wie viel Schmerz und Leid ich zumuten und dabei den Rücken stärken kann, ein Maß aber auch, bei dem man, wenn es überschritten ist, die Notbremse ziehen und die Weichen anders stellen muss. Und jetzt gilts “nur noch”, die neuen Wege zu beschreiten …

5 Responses to “So viel …”

  1. Ines says on :

    Ohha, ich habe gerade heute einer Freundin erzählt das ihr Sohn ein cleveres Kerlchen ist und ich ihn bestimmt nicht noch ein Jahr lang warten lassen würde. Er wird Juni nächsten Jahres 6 und sie überlegt ob sie ihn nächstes oder erst übernächstes Jahr einschulen lassen soll. Aber das klingt bei euch ja eher nach einem Problem mit / durch die Schule. Bei dem von dir dargestellten, hätte ich mich ebenfalls nach Alternativ umgeschaut – ehrlich gesagt habe ich mir bei meiner Tochter eine Alternative von vorn herein schon überlegt gehabt.

    Liebe Grüße Ines

    Ach und, alles wird gut :-)

  2. Peggy says on :

    Liebe Patricia,

    ich finde die Entscheidung richtig. Nur verstehe ich nicht, warum Du das alles so entschuldigend schreibst… Wieso? Das ist doch die beste Entscheidung für Dein Kind. Ich höre immer mehr Gutes über Waldorfschulen. Wir haben auch eine Waldorfschule im Ort. Auch diese soll toll sein. Aber etwas abgedreht finde ich das alles trotzdem. Es ist in einer Art auch einseitig: wieso haben die nur Naturmaterialien und verabscheuen anderes? Nutzen die auch das Internet oder wird sich davor gesperrt? Ist Bio immer das Beste? Ich fänd eine Mischung aus einer \\"klassischen\\" Schule und der Wladorfpädagogik prima. Wirklich mit der Waldorfschule als Alternative haben wir nicht geliebäugelt, da ich glaube, dass Zoé mehr mit klaren Ansagen etc. (ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll) etwas anfangen kann. Wenn ich aber merke, dass ihr der klassische Frontalunterricht nicht gut bekommt, würde ich auch Konsequenzen ziehen. Wenn ich das Ganze von Eurer Situation höre, dann wird mir etwas mulmig… Wenn Zoé in die Schule kommt, ist sie dann drei Wochen 6 Jahre alt. Sie ist ein starkes Mädchen, was auch immer über andere bestimmen will. Daher denke ich, wird sie sogar anecken. Bin gespannt, wie sie sich entwickelt.
    Euch wünsche ich ganz viel Glück bei den vielen Neustarts!!!
    Peggy

  3. Patricia says on :

    @Peggy: Im Lehrerzimmer unserer Waldorfschule stehen drei nagelneue PCs mit Internetanschluss und die Schüler drehen Videos, die sie auf Yo.uTube veröffentlichen – medienfeindlich würde ich das nicht nennen. Medienkritisch vielleicht, aber das bin ich auch … Danke für den Zuspruch! Entschuldigend schreibe ich es vielleicht darum, weil ich um die vielen Vorbehalte weiß, die Wal.dor.fschulen entgegengebracht werden, schau mal hier ;-)
    http://www.youtube.com/watch?v=nn5U0AJ6SGA

    @Ines: Sag ruhig weiter zum cleveren Kerlchen, dass er eines ist. Den Glauben daran nicht zu verlieren ist das Allerwichtigste auf dem Weg durch die Mühlen des Systems :-)

  4. Frische Brise says on :

    Ach, ich bin so froh, daß Ihr für Euren Sohn eine Alternative gefunden habt! Das freut mich sehr.

  5. PaulaQ says on :

    Oh, da ist ja ganz schön was los bei Ihnen! Und ich habe schon gedacht, Sie wären in den wohlverdienten Urlaub entschwunden, um für die anstehenden Aufgaben Kraft zu tanken!
    Die Entscheidung, das große Kind jetzt auf die W-Schule zu schicken, halte ich für eine gute Entscheidung (ich bin kein großer Steiner-Anhänger, halte aber die Schule für manche Kinder sehr gut; bislang konnte ich quasi immer nur das “Ergebnis” einer solchen Schullaufbahn begutachten, und ich werde nicht müde, zu sagen, daß aus diesen Schulen sehr oft kreative, offene, gesprächsbereite, disskussionsfreudige junge Erwachsene kommen!!), ich habe dieses andere Schulsystem auch immer noch für unseren Ältesten im Hinterkopf, weil ich fürchte, daß er womöglich mit dem “normalen” System nicht zurechtkommen wird. Aber das weiß ich in einem Jahr wahrscheinlich besser zu beurteilen ;) , solange lese ich hier gerne die höchstwahrscheinlich zu erwartenden Berichte zum Thema!!
    Ansonsten wünsche ich Ihnen gute Nerven, gesunde Kinder und teilen Sie mir mit, falls Sie eine Lösung für das “Telefonproblem” gefunden haben, das besteht hier nämlich ebenfalls und nervt mich ziemlich!
    Liebe Grüße!

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