Irgendwo am Rand

Vor zehn Jahren habe ich die Großstadt verlassen und bin aufs Land gezogen. Erst in die Kleinstadt, vor sechs Jahren dann, mit dem Erwerb des Häuschens, in ein richtiges Dorf. Ich mag dieses Dorf, es gibt viele Kinder, niemand motzt, wenn es beim Spielen mal etwas lauter wird, in den Läden gibt es meist ein nettes Wort und ein kleines Geschenk. So weit. Trotzdem bin ich eher Randbeobachter und nicht mittendrin. Als wir hierher zogen, hatten wir zwei kleine Kinder und haben Vollzeit gearbeitet. Schon das hat uns zu Exoten gemacht. Kinder hatte man zum Mittagessen abzuholen, ansonsten waren sie und wir zu bedauern. Eine Kinderbetreuung über die Mittagszeit hinaus, das war nur für schwierige soziale Fälle vorgesehen. Mit der Jüngsten dann war ich zwei Jahre zu Hause. Es war eine schöne, ruhige Zeit mit viel Rhythmus und Struktur und genügend Raum für all die Langsamkeit, die Kinder so brauchen. Ich wurde ab und an eingeladen von den Frauen im Dorf. In unglaublich saubere und aufgeräumte Wohnungen mit exakt durchgeplanten Gärten. Gesprächsthemen waren meist die Nachbarn, die Grundschullehrerin, die Kinder. Ich saß und hörte viel zu, lernte einiges, lud auch mal zu mir nach Hause ein, auch wenn meine Fenster nicht so strahlten und sicherlich irgendwo ein Häufchen Spielzeug im Wohnzimmer in der Ecke lag oder kleine Sandwege an der Tür, von den barfuß laufenden Kindern hineingetragen. Nicht dass man mich jetzt falsch versteht: ich bin kein Schwein und kein Messie, ich mag aufgeräumte Wohnungen sehr gern, aber das Ganze ist nicht mein Lebensmittelpunkt, sondern notwendige Begleiterscheinung eines zivilisierten Lebens. Ja, und so kam es, dass die Damen der Nachbarschaft bei mir saßen und sagten “Gemütlich, man SIEHT, dass hier KINDER wohnen!” Ja, und das finde ich auch gut so – wenn es nicht so als leise Kritik formuliert worden wäre … Und irgendwie ist das Ganze dann nach und nach wieder eingeschlafen. Ich bin nicht wie sie, sie sind nicht wie ich – ich könnte es niemals formulieren. Eine wirklich gute Freundin habe ich unter den “Zugezogenen” gefunden, sie hat drei Kinder und arbeitet und in ihrer Wohnung sieht es aus wie in unserer. Und doch betrübt es mich manchmal, nicht mittendrin zu sein im Dorf – auch wenn ich weiß, dass ich mich fürchterlich verbiegen müsste, um einem Bild zu entsprechen, das ich mit mir selbst nicht vereinbaren kann. Verwörrte Seelenzustände, die meinen ;-)

8 Responses to “Irgendwo am Rand”

  1. Sylvia says on :

    Das ist nicht verwörrt, das IST so.

    Das Dorfleben und auch das Leben in einem zur Stadt gewachsenen Dorf hat eindeutig Vorteile, aber wer nicht seit mindestens 100 Jahren einheimische Vorfahren nachweisen kann, bleibt mehr oder weniger immer “zugezogen”.

    Deshalb bin ich ganz froh, wenigstens in einem “Stadt”kern zu leben, da ist die Denkweise der Leute etwas offener. Mir reicht das Zuschauen beim echten Dorfleben durch Juniors Dorfgrundschule – danke, das wäre nichts für mich, auch wenn einige der Dorfmütter durchaus nett sind. Nett, umgänglich, aber nicht meine Welt.

  2. Sabine says on :

    Als hätte ich es geschrieben ;) hier ist es aber noch viel schlimmer, hier wohnt man nicht, hier residiert man und Leute wie wir die zur Miete wohnen sind den Residenten perse suspekt und man kann sich glücklich heissen, wenn man mal eingeladen wird.

    Ich hardere ständig mit mir und bin, ganz ganz ehrlich, sehr oft unglücklich nicht wenigstens im eigenen Haus zu wohnen.

    Da wir mehr als die ohnehin knapp bemessenen 1,4 Kinder/pro Frau haben, nämlich wenn alle da sind 5 Stück rangieren wir ohnehin ( ich denke hinter einigen vorgehaltenen Händen) Richtung Präkariat obwohl keines der Kinder Kevin oder Schantalle heisst. Mieter zu sein ist aber schon Grund genug, schwer in die inneren Kreise vorzustossen.( sagte mir kürzlich eine andere Mutter aus unserer Klasse, die dies schwer mitnimmt!)

    Mein Mann trägt bei der Arbeit keinen Anzug, disqualifiziert noch mehr.

    Ich habe keine Putzfrau , also doch Präkariat.

    Wir sind nicht pingelig ordentlich und unsere Kinder dürfen saktionsfrei “Scheisse” sagen.

    Wir tragen unsere gehenden Kinder nicht bis zum Klasseneingang und tragen sie nicht aus der Betreuung, mein 7jähriges Kind läuft den Schulweg nachmittags alleine-ohgraus!

    Wir sind, obwohl wir meiner Meinung nach das natürlichere Verhältnis zu unseren Kindern haben, Dorf Aliens.

    Das ich schon große Kinder habe ist für viele Einkindmütter merkwürdig, sie haben ihre Gebährfähigkeit meist mitte der 30 entdeckt .

    Es geht uns also ähnlich wie euch und manchmal verfluche ich es und wäre gerne angepasst und mit Putzfrau und Businessbekaspertem Gatten.

    Achja, das Leben…

  3. Peggy says on :

    Ihr müsst alle in den Osten ziehen! Da sind solche Leute aus Eurer Umgebung Aliens ;-) Wenn Du hier eine Putzfrau hast, dann sagt man, die schafft´s wohl nicht alleine oder sie is sich zu fein… Einfach “nur” Hausfrau sein geht hier gar nicht. Da musst Du Dich erklären, wieso Du nicht arbeiten gehst. Kaum einer bleibt mit seinem Kind länger als ein Jahr zu Hause. Es sei denn, man kann es sich leisten… Achja und ab 30 zählst Du zu den Spätgebärenen :-)

    Patricia, Euer Haus könnte auch unseres sein – ich hasse putzen! Und hier wohnen auch Kinder, was man eindeutig sieht :-)

    So what!

  4. PaulaQ says on :

    Ja, auch hier gibt es sie, die durchaus netten “Dorf”mütter, die ich zum Teil ganz gerne mag, die aber schon immer hier oben leben und irgendwie eine andere Sozialisation durchlaufen haben als ich als “Stadtkind” (ich bin in der Peripherie von Stuttgart aufgewachsen….). Und auch hier ist Sauberkeit und Ordnung ein hohes Gut. Auch ich mag es gerne sauber und ordentlich im und ums Haus, aber ich schaffe es überhaupt nicht, das durchzuziehen, da ich meine Prioritäten immer anderswohin setze. Und auch unser Haus und dessen Einrichtung entspricht nicht wirklich den Vorstellungen von “was sich so gehört”, aber das ist mir egal, denn schließlich müßen wir hier leben und die anderen können unsere “Villa Kunterbunt” wieder verlassen.
    Und das mit der Kinderbetreuung ist hier nicht ganz so schlimm, auch einige der “Einheimischen”-Kinder sind in der Ganztagesbetreuung des Kindergartens, da auch die Mütter arbeiten gehen.
    @Sabine: Auch hier trägt der Gatte keinen Anzug, um sich zur Arbeit zu begeben, aber der größte Teil des Dorfes geht im Blaumann zum “Schaffa”, und das ist hier durchaus in Ordnung! Es wird hier eher über die Männer im Anzug gegrinst! Und Kinder nicht bis zum Alter von 15 Jahren in die Schule zu tragen halte ich für eine sehr gute Idee (ich gehöre hier auch zu den “bösen” Müttern, die verlangen, daß ihr fast sieben jähriges Kind ALLEINE in den 150 m entfernten Kindergarten hin- und auch wieder zurückläuft!)!!
    @Peggy: Da bin ich ja mal froh, daß ich nicht im Osten wohn! Ich bin nämlich auch “nur” zu Hause (ist hier auch nicht bei allen so angesehen, Frau geht, egal mit wievielen Kindern auch “schaffa”, hat allerdings hier sämtliche Großeltern im Hintergrund, die die Kinder mitbetreuen, kochen, bügeln…) und bei uns ließe es sich nicht wirklich einrichten, daß ich ebenfalls berufstätig bin, obwohl es ja inzwischen einen Ganztageskindergarten gibt, denn das erste Kind wird jetzt eingeschult und da gibt es dann gar keine Betreuung mehr! Und wenn man dann nicht die Großeltern hat, kann man es wieder abhaken. Und es ist doch nicht wirklich schlimm, Kinder erst mit dreißig, oder später, zu bekommen?! Und da zählt man ja auch hier, im Westen, zu den Spätgebärenden.
    Auf jedenfall ist das Leben auf dem Dorf als “Reingeschmeckte”, wie es hier so schön heißt, irgendwie anders. Zumal wenn man, wie ich, nicht mal den Dialekt beherrscht (ich bin zwar im Schwabenländle geboren und aufgewachsen, spreche aber “nur” Hochdeutsch….) und sich somit von sich selbst aus schon an den Rand begibt. Aber die Kinder fühlen sich wohl hier, haben viel Platz und viel Natur, und da halte ich es dann halt auch noch ein paar Jährchen hier aus!
    Viele Grüße, und ich fiebere mit Ihnen auf den ersten Schultag hin (haben Sie schon eine Schultüte???)!

  5. rebis says on :

    Mein Eindruck ist: es liegt nicht mal an den vorigen hundert Generationen, die schon auf’m Dorf lebten, sondern am Dorf an sich – hier jedenfalls. Wir wohnen in einem Dorf in Stadtnähe mit S-Bahn-Anschluss, in dem etwa die Hälfte der Bevölkerung Zugezogene sind, große Neubaugebiete (vergleichsweise :) ), und auch in den Neubaugebieten von vor dreißig Jahren leben ja Zugezogene. Fast alle Frauen hier bei uns im Wohngebiet sind berufstätig, die Kinderbetreuung ab 3 Jahren ist dank Elterninitiativen inzwischen bis 16 Uhr ausgeweitet (und das in BaWü!), unter 3 ist es teuer, aber machbar. Die Kinder stromern allein durch die Gegend, gehen allein in Schule und Kindergarten. Viele Mütter und Väter, die in Forschungsinstituten, an der Uni, in Kliniken, in Softwarefirmen arbeiten. Die Haushalte, die ich von innen kenne, sind alle nicht geleckt (trotz Putzfrau – denn viele von uns arbeiten fast Vollzeit) … und trotzdem. Es ist Dorf, selbst hier im Neubaugebiet. Sage ich als Berlinerin. Klar, mit der Stadt und der Vielseitigkeit ihrer Bewohner im Hintergrund – da fühlt sich alles eng an. Kann gar nicht mal genau beschreiben, worin die Enge besteht: im Lebenskonzept, in der Schmalheit des Toleranzbereichs, im ewig Gleichen …. ich weiß nicht. Spüre, dass auch ich hier nicht heimisch werde. Eher noch im Nachbarstädtchen, in dem ich auch arbeite. Oder aber Freunde von früher in der benachbarten Stadt. Hier im Dorf haben wir kaum nähere Kontakte. Das macht mich manchmal traurig, manchmal denke ich, dass ich selbst nicht genug danach suche, sicher gibt es hier doch auch interessante Frauen, aber es bleibt eine unbestimmte Sehnsucht nach etwas, was ich hier nicht finde.
    Nicht gerade aufmunternd, oder?
    (Und doch: Vieles an dem Leben hier genieße ich, die Ruhe, das Grün vor der Tür im Garten und der Wald in 50m Entfernung, Hektik und Gestank und Lärm der Stadt vermisse ich nicht. Die Kinder sind glücklichst, dass sie den ganzen Tag draußen spielen … muss man ja auch sehen.)
    LG Uta

  6. Ines says on :

    Ach ja, ich bin froh im Osten zu wohnen ;-)
    @Sabine – Ich mußte schmunzeln, du beschreibst ja schon fast uns(außer die 5 Kinder natürlich).
    Bei uns wird nur Geologen Eintritt gewehrt, andere Menschen würden den Zustand der Wohnung nicht verstehen. Überall Steine, auf dem Küchentisch, an den Wänden, die gute Stube ist wie ein Museum eingerichtet usw.. Ach und das hier Kinder hausen ähm leben sieht man natürlich auch.
    Deinen Kummer kann ich verstehen, da wird sich bestimmt auch nichts dran ändern. Es scheinen vielen so zu gehen.

  7. Keks says on :

    Nach langer Zeit melde ich mich auch mal wieder zu Wort, einfach weil ich muss! :) Ich kenne nämlich dieses Gefühl auch. Und ich bin irgendwie gerade glücklich, dass es auch anderen so geht.
    Ich kann dieses \"nicht zusammen passen\" nicht einmal an der Ordentlichkeit der Haushalte festmachen, denn bis dahin habe ich es bei den anderen Müttern noch nicht \"geschafft\". Ich gehe zwar in die wöchentliche Krabbelgruppe, aber eher mit dem Gedanken, dass meine Tochter irgendwann mit diesen Kindern in den Kindergarten und in die Grundschule gehen wird und es da nicht schaden kann, wenn sie sich bereits ein wenig kennen.
    Mit den Müttern unterhalte ich mich recht wenig bzw. höre meist zu und streue ab und an ein paar Kommentare ein, wenn es angebracht ist, aber im Großen und Ganzen könnte ich mir das auch sparen. Es passt einfach nicht. Ich wohne nun seit 25 Jahren in diesem Dorf, bin aber erst in der vierten Klasse hier her gezogen. Eindeutig zu spät um zur \"Gemeinschaft\" zu gehören.
    Ich finde es sehr schade, dass ich in unserem Dorf niemanden habe, mit dem ich einfach mal eine Runde den Kinderwagen schieben oder eine Stunde gemütlich auf dem Spielplatz verbringen kann.
    In den Nachbarorten sind ein paar Mädels, die ich durch die Geburtsvorbereitung kennen und lieben gelernt habe. Allerdings ist da eine halbe Stunde Fahrradfahren oder das Auto Pflicht, um sie zu besuchen. Alles also suboptimal. Und ich befürchte, wenn es dann in eineinhalb Jahren mit dem Kindergarten los geht, wird es auch nicht viel besser.

    Eigentlich wollte ich hier gar nicht so viel herum jammern. Einfach nur sagen, dass ich dich verstehe und froh bin, dass es auch noch andere wie mich gibt :) .

  8. Patricia says on :

    Ich bin ja sehr froh, dass ich nicht allein bin in diesem In-Out-Spiel auf dem Lande :-) ! Vielleicht eint uns ja auch, dass wir das böse, böse Internet kennen (die Mütter hier stehen diesem Medium sehr sehr skeptisch gegenüber ;-) ! Manchmal sehne ich mich in eine größere Stadt, aber gleichzeitig, wenn ich mit den Kindern durchs Dorf gehe, ich die Menschen kenne, so viel Lächeln ernte, weiß ich auch, dass ich nicht in einer miefigen U-Bahn stehen möchte, umringt von Menschen, deren Mundwinkel nach unten hängen, weggeschoben und im Rhythmus der Großstadt laufen …

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