Machen Kinder unemanzipiert?

Beim Sortieren meiner früheren Leben ging mir durch den Kopf, dass sich meine beruflichen Ambitionen im Lauf der Zeit geändert haben. Damals, im Studium, ging ich im Frauenreferat ein und aus, verbrachte viel Zeit mit Frauen- und Geschlechtergeschichte, machte mein Examen, um an der Uni zu forschen und zu lehren - mit dem Ziel zu promovieren, vielleicht irgendwann zu habilitieren. Irgendwann merkte ich, dass das alles fürchterlich lange dauert im deutschen Wissenschaftsbetrieb, das Internet rief, ach was sage ich schrie “Komm zu mir, ich bin total spannend, cool, social und minutenschnell!” – und ich ließ die Wissenschaft im Stich, das Abenteuer New Economy begann, es faszinierte mich, ich arbeitete viel und schnell und kletterte auf der Karriereleiter nach oben. Irgendwann dann die Liebe, der Mann, das Kind. Ein Kind bedeutet keinen Karriereknick, dachte ich damals, offenbar war ich naiv. Nach meinem Mutterschutz wollte ich in Teilzeit wieder einsteigen und – hoppla – mein Job war weg, besetzt von einem strebsamen Vollzeitmann. Ich habe mich nach und nach wieder in Jobs eingearbeitet, die mir gefielen, da kam das zweite Kind. Wohl wissend, dass einem der Stuhl unterm Popo weggezogen wird, wenn man nicht bereit ist, alles zu geben, habe ich schnell nach der Geburt wieder in Vollzeit gearbeitet. Trotzdem musste ich den Arbeitsplatz um spätestens 16 Uhr verlassen, um noch rechtzeitig im Kindergarten zu sein. Karriere macht man in Deutschland aber nach 18 Uhr, in Bars und Lounges, nicht zwischen Kita und Büro. Mit Kind 3 kam die Firmenaufgabe, ich habe mich einige Male auf feste Stellen beworben, Absagen und halbgare Tröstungen kassiert, einem zu großen Job zu- und wieder abgesagt – und letzten Endes die Gelassenheit gelernt. Was war die Frage? Machen Kinder unemanzipiert? Ich weiß es nicht. Meine Lebensziele sind kleiner geworden. Vielleicht realistischer? Familienkompatibler? Oder gebe ich gerade etwas auf, wenn ich nicht mehr Professorin oder Vice President werden, sondern einfach nur gute Arbeit leisten und Spaß dabei haben möchte?

Postscriptum: Wenn man sich die Karriere-Chancen von Müttern bei Neueinstellungen wie auch beim beruflichen Wiedereinstieg in Deutschland anschaut, könnte man tatsächlich – so als Außerirdischer – auf den Gedanken kommen, Kinder machen unemanzipiert und dumm und Frauen verlören bei jeder Geburt einen Teil ihres Gehirns. Natürlich ist genau das Gegenteil der Fall, nur merkt das kaum ein Personaler. Ich wollte gerade aber weder jammern noch klagen, sondern nur persönlich reflektieren ;-)

2 Responses to “Machen Kinder unemanzipiert?”

  1. Frische Brise says on :

    Mir geht es ähnlich, früher ging es mir um Selbstverwirklichung und Emanzipation. Ich will gar keine Karriere mehr machen, ich bin stolz auf das, was ich jetzt täglich mit meiner Bande meistere.

    Heute denke ich, wenn ich unsere kinderlosen Nachbarn sehe, was die wohl für ein ruhiges, aber langweiliges Leben haben ;-)

    Und nebenbei: Mütter sind als Mitarbeiter flexibel und bringen eine hohe emotionale und soziale Kompetenz mit, die würde ich immer einstellen.

  2. Ines says on :

    :-)
    Stilldemenz, Schwangerschaftsdemenz klar verliert Frau Hirnmasse.
    Und Mitarbeiter mit Kindern sind DAS Schlimmste was einem Arbeitgeber passieren kann. Zitat meines Chefs beim Anblick meiner Bewerbung \"Oh Mann was die Frau alles schon gemacht und was die kann, die brauchen wir aber die hat 3 Kinder\" – letztendlich mußte er mich einstellen da er niemanden mit vergleichbarer Qualifikation und Erfahrung fand.
    Früher, also in dem Leben vor den Kindern da gab es im Freundeskreis des Göttergatten politische Diskusionen, ich überzeugter Kommunist, der Herr Gemahl überzeugter Anarchist und sein Kumpel ein christlich angehauchter Kommunist – das waren noch Zeit…… heute drehen sich die Diskussionen um Erziehung bei gleicher Besatzung nur eben etwas seltener.
    Und Frau Frische Brise auch ich denke öfter wie langweilig muß doch das Leben ohne Kinder sein – was macht man eigentlich den ganzen Sonntag?

Leave a Reply