Archive for Oktober, 2010

Blogmüde

Und je länger ich nicht blogge, desto nichtiger erscheinen mir die Dinge. Und wo soll ich anfangen, wo enden? Bei den letzten warmen Tagen dieses Jahres, den Bäumen, deren leuchtende Farben ich aufsauge, weil ich weiß, dass da bald nur noch Grau, Schwarz und Weiß ist? Beim aufsteigenden Nebel hinter unserem Haus, durch den wir abends oft gehen, um nachzuspüren, wie feucht es sich anfühlt und was Herr Claudius wohl meinte, als er dichtete “und aus den Wiesen steiget, der weiße Nebel wunderbar”.

Oder sollte ich anfangen beim Treppensturz der Kleinen, dem Aufprall, der mein Herz fast zum Stillstand brachte, einer durchweinten Nacht, haltloser Angst? Bei Telefonaten mit der Giftnotrufzentrale, weil die junge Dame sich mal wieder des Hockers bemächtigte und das Eukalyptus-Zeckenspray aus dem obersten Küchenschrank-Regal kostete? Und warum werde immer nur ich geblitzt, wenn ich in Ortschaften schneller als 50 fahre und nie der Mann, obwohl er es auch tut?

Oder sollte ich bloggen vom weltbesten Kürbissuppenrezept, das ich heute Abend entdeckt habe? Von Mohn-Birnen-Kuchen, Laubmonstern, gruseligen Kürbissen, einer verspäteten Kinder-Geburtstagsparty? Von nettem Besuch, der in den Herbstferien hier war, Esszimmer-Umräum- und Neugestaltungsideen? Ortswechsel-Spinnereien?

Von Kollegen, von meiner Arbeit, von Menschen, die im dichten Gegenverkehr überholen, von der Frage, warum immer ich diejenige bin, die im Zweifelsfall auf die Bremse tritt und ausweicht.

Und die Frage: Was und warum blogge ich? Sind meine Kinder aus dem Windelblogger-Alter nicht allmählich raus? Übers Kochen vielleicht – aber meine Fotos sehen nicht so schön aus wie das Essen schmeckt. Über mein Leben, diesen wildwüchsigen Mischwald mit zahlreichen verschlungenen Pfaden? Und für wen? Für mich? Zu Dokumentationszwecken? Es sieht aus, als hätte ich das Fragezeichen entdeckt – dabei lebe ich einfach gerade nur. Ohne Fragezeichen. Die sind nur virtuell …

Posted on Oktober 31st, 2010 by Ordinarylife  |  5 Comments »

Heute so

Zum Beispiel

Manches
kann lächerlich sein
zum Beispiel
mein Telefon
zu küssen wenn ich
deine Stimme
in ihm gehört habe
Noch lächerlicher
und trauriger
wäre es
mein Telefon
nicht zu küssen
wenn ich nicht dich
küssen kann.

(Erich Fried)

Posted on Oktober 18th, 2010 by Ordinarylife  |  2 Comments »

Wochenendblogger

Die Wochen sind so voll, dass nur noch die Enden bleiben, um niederzuschreiben, was mir durch den Kopf ging bzw. was von den Gedanken in Erinnerung geblieben ist. An drei Tagen bin ich sieben Stunden im Büro, weil doch nichts über Face-to-Face-Kommunikation geht, und ich gestehe, es macht mir sehr viel Spaß. Ich kann Konzepte anfangen und fertig stellen, ohne dass ich 333x unterbrochen werde, ich kann Gedanken zu Ende denken, ohne neue anzufangen. Und diese himmlische Ruhe! Ach ja, und Lob. Nicht, dass ich danach heische oder nur arbeite, damit man mich lobt, aber es tut gut, für das, was man tut, gelobt zu werden. Wer lobt schon für überstandene Chaostage zu Hause, die Beseitigung von Staub- und Wäschebergen, dafür, dass man die Kinder am Abend nicht an die Wand tapeziert, sondern glücklich durch den Tag gebracht hat? An den verbleibenden zwei Wochentagen das Übliche: Kinderarzt, Logopädin, im Bedarfsfall Gastroenteritis vom kleinsten Tochterkind auskurieren, Telefonate erledigen, Wäsche waschen, einkaufen etc …

Und weil ich morgens um sieben im Büro bin, muss ich richtig früh aufstehen. Und sehe dabei manchmal Gespenster. Diese Woche war es unglaublich neblig, also so, dass man fährt und die nächste Leitplanke nicht sieht, eigentlich überhaupt nichts sieht, eigentlich stehen bleiben sollte und warten, bis jemand das Licht anknipst. Und wenn man doch weiterfährt, sieht man, dass der Nebel sich lichtet und in kleinen weißen Schleiern von dannen zieht. Wie Gespenster. Ich weiß jetzt, warum man in dieser Zeit Halloween feiert.

Weil uns mitten in meinem ersten größeren Auftrag die Herbstferien überrascht haben, war ich einigermaßen verzweifelt. Wer sagt schon zum Auftraggeber “Prima, nächste Woche fange ich an, aber übernächste Woche bin ich dann erst einmal für zwei Wochen weg, sind ja Herbstferien, wie Sie wissen!” Jedenfalls stolperte ich in der Kita über einen Aushang “Astronauten zwischen sechs und acht Jahren gesucht” – ein Ferienprogramm in der Nachbargemeinde, fünf Tage Betreuung inclusive Mittagessen für 15 Euro. Mit einigermaßen schlechtem Gewissen lieferte ich den Sohnemann am ersten Tag dort ab, aber das erwies sich glücklicherweise als unbegründet. Die Astronauten bastelten, experimentierten, kochten, machten Lagerfeuer, grillten – und das Highlight war eine Übernachtung mitsamt Nachtwanderung. Nun wissen wir, das große Kind kann auch auswärts übernachten und spontan zu Ferienfreizeiten gehen. Das eröffnet völlig neue Perspektiven ;-)

Das Minikind hat das Muttergen geerbt und redet pausenlos (ich glaube zu wissen, dass ich als Kind genau so war). Neulich eröffnete ich ihm, dass es mal baden solle und es fragte: “Meins du, dass ich ssstinke?” Ansonsten sind Farben gerade ein Thema, allen voran ROSA. Hülfe – ich dachte, dieser Kelch geht dieses Mal an mir vorbei, aber wenn man das Kind fragt, welche Handschuhe es möchte, ruft es “Die da, die rosa Handssuh”

Ich habe mal wieder mit dem Finanzamt telefoniert. Diesmal ging es um meine Steuernummer, auf die ich seit zwei Monaten warte. Ich möchte endlich einmal nicht nur arbeiten, sondern auch Rechnungen schreiben und Geld sehen. “Tjahaaa”, rief der Finanzbeamte, “Was meinen Sie, wer da noch alles drauf wartet?” Das ist mir eigentlich egal. Und weil ich etwas angefressen war, sagte ich, “Gut, dann beantrage ich eben für die Übergangszeit Hartz I.V, so lange wie ich zwar arbeite, aber dabei kein Geld verdienen kann.” Im Hintergrund riefen die Kinder (wir kamen gerade nach Hause) “Maaaama, was können wir essen?” Das Tochterkind schrie “Wann gehen wir zum Kindergeburtstag? Da kann ich was essen!” Ich schwöre, DAS war nicht abgesprochen. “Also”, räusperte sich der Mann am Telefon, “ich habe Ihre Nummer. Schreiben Sie mal mit!” Von so viel Spontaneität überwältigt, bedankte ich mich für die plötzliche Dynamik und gab meinen Kindern endlich etwas zu essen.

So, und nun muss ich nachdenken. Mal wieder. Gerade habe ich Fuß gefasst, da klingelte das Telefon und die Schule des Sohnes fragte an, ob ich nicht ein paar Stunden übernehmen könne. Sie bräuchten da jemanden. Jetzt. Sofort. Waldorfs unterrichten aber in Epochen. Das finde ich gut, überschneidet sich aber mit meinen jetzigen Arbeitszeiten. Außerdem kenne ich nicht die Gehaltskonditionen. Hach … Und schon wieder eine Entscheidung … (ich sage jetzt nicht, dass es dort auch ein Berufskolleg gibt, das ab nächsten Sommer Referendare ausbilden darf, sage ich jetzt nicht, nö, sonst müsste ich mein ganzes Leben ja schon wieder auf den Prüfstand stellen … )

Und weil Wochenende ist, hole ich jetzt den Weißwein und setze mich vor das lustig flackernde Feuer. Eine gute Nacht euch allen!

Posted on Oktober 16th, 2010 by Ordinarylife  |  3 Comments »

Das Kind beim Namen nennen

“Das Schönste am neuen Kindergarten,” sinnierte das Tochterkind mit vollem Mund beim Frühstück, “also das Schönste ist, dass wir uns beim Namen nennen und die Erzieherinnen jeden Einzelnen begrüßen. Und die Kinder im Stuhlkreis machen das noch mal gegenseitig! Und wenn wir gehen, machen wir das auch!”

Auch beim Sohn werden die Kinder vom Klassenlehrer morgens einzeln begrüßt und mittags einzeln verabschiedet – jedes einzeln, mit einem netten Satz zum heutigen Tag, zur Mitarbeit, zur Tageslaune oder auch, was das Kind am nächsten Tag anders machen sollte.

So eine simple Geste – und doch so wichtig. Wer möchte morgens schon ins Büro kommen und als anonyme Masse begrüßt werden? Oder mit einem hingemuffelten “Hallo – zieh dir die Pantoffeln an!” – so war es im alten Kindergarten. Und die Lehrerin im ersten Schuljahr, die ist immer fünf Minuten zu spät gekommen und fünf Minuten früher gegangen. Ob sie die Kinder begrüßt hat oder eher müde und frustriert das Ende der Stunde abgewartet hat? Angesichts ihrer Pauschalurteile über Kinder vermute ich eher letzteres. Das Kind beim Namen zu nennen ist also keineswegs eine Selbstverständlichkeit.

Ich mag dieses Beim-Namen-Nennen. Ich habe dich gesehen, ich nenne dich beim Namen, ich freue mich, dass du da bist, du bist mir wichtig und es ist mir nicht egal, ob du da warst oder nicht, ob du mit den Gedanken dabei warst oder nicht, wie es dir heute ging und was du gemacht hast. Du bist du, du bist da und das ist gut so.

Posted on Oktober 16th, 2010 by Ordinarylife  |  1 Comment »

Ausgeflogen

Ins Detmolder Freilichtmuseum, wo wir dank Jahreskarte einfach so durchmarschieren können – für die Kinder sind die Wind-, und Wassermühlen, die alte Bäckerei und Schule, die Wohnstube der Gutsherren, die Gesindekammer, die Spinnstube und natürlich die Bauerngärten und Tiere immer wieder spannend – und mittlerweile übernehmen sie bei manchen Objekten die Führung (O-Ton “Wusstest du noch gar nicht, Mama, oder?”) – Fotoqualität, da nur mit Handy unterwegs, so na ja …

Am Dorfteich

 

Holländer Mühle

 

Bauerngarten

 

Windmühlenblick

 

Im Farbenrausch

 

Im Haupthaus am Feuer

Bunte Bäume

Posted on Oktober 10th, 2010 by Ordinarylife  |  2 Comments »

Entgegen anders lautender Gerüchte

sind Mütter auch nur Menschen.

Posted on Oktober 7th, 2010 by Ordinarylife  |  2 Comments »

Mit den Kindern gelesen

Das Wendebilderbuch. Zwei Kinder, durch den Mauerbau getrennt, treffen beim Mauerfall als Erwachsene wieder aufeinander. Zwei Geschichten, an verschiedenen Seiten des Buches begonnen, begegnen sich in der Mitte des Druckwerks. Sagte ich schon, dass ich Kinderbücher mag? ;-) – und während ich diese Verlinkung einfüge, sehe ich, dass es noch einige weitere Buchtitel zum Thema gibt. Bücher sind meine Schuhe …

Posted on Oktober 3rd, 2010 by Ordinarylife  |  No Comments »

Herbst II

herbst2

Posted on Oktober 3rd, 2010 by Ordinarylife  |  No Comments »

Oktober, der dritte

“Uhuuund? Feiert ihr heute?”, fragt man uns öfter, mich, die Frau aus den Westen und den Mann aus dem Osten. Und nö, wir feiern nicht. Wir freuen uns – sicherlich – dass wir uns dank Maueröffnung begegnen konnten. Ja. Aber der 3. Oktober war vorrangig ein politischer Akt und ein dementsprechend festgelegter Feiertag, und so kann es schon mal passieren, dass wir den 3. Oktober vergessen und uns wundern, warum die Läden geschlossen sind. Weil Ost und West in unserem Alltag keine große Rolle mehr spielt. Sicher, der Mann sagt manchmal Plaste und Elaste und seine Zeitangaben (“Was meinte er noch mal mit Dreiviertelzwölf?”) verwirren mich auch nach neun Jahren noch. Auch reden wir ab und an übers Mentalitätsgeschichtliche, die BRD in der Ära Kohl, die DDR, wie der Alltag aussah, welche Sicherheit wem verloren ging und so weiter. Aber eher mit Neugier und analytischem Interesse. Aber der Ossi und Wessi, die gehen mir ab, und ich wäre manchmal irritiert über Kolumnen wie diese, wüsste ich es nicht besser.

Als ich mich in den Allerbesten verliebte, der damals schon im “Westen” arbeitete, wollte ich seine Familie kennen lernen und fuhr darum mit dem Zug nach Berlin (Ost). Ich kannte niemanden aus dem Osten, meine Kenntnisse bezog ich aus meiner schöngeistigen Beschäftigung mit der DDR-Geschichte im Rahmen meines Studiums und der Arbeit an der Uni. Ich war neugierig, ohne das Mitleid und Bedauern der Großelterngeneration und wollte eigentlich nur die Menschen kennen lernen, mit denen der Mann groß geworden war. Irgendwie aber kam alles anders. Nicht nur dass der Hund der Schwiegermutter beinah an den Pfefferminzbonbons erstickt wäre, die er aus meinem Rucksack gemopst hatte, nein, als ich im Wohnzimmer im Plattenbau auf dem Sofa saß, wurde die Mauer vor meinem inneren Auge wieder errichtet. “Die im Westen” – das war ich, lebten in Saus und Braus, mit großen Kinderzimmern und fetten Autos und Häusern, genügend Klamotten, würden alles immer dreimal durchdenken und dauernd Dinge problematisieren, die man “hier im Osten” einfach so gemacht habe. Der Wurstsalat sei besser gewesen und Zusatzstoffe in Nahrung so gut wie unbekannt in der DDR. Nach ca. 90 Minuten Redezeit habe ich – mit 30 Jahren – zum ersten Mal in meinem Leben das Bedürfnis verspürt, Demokratie, Marktwirtschaft und Meinungsfreiheit verteidigen zu müssen, mein Land. Die Bundesrepublik, in der ich doch auch nicht alles rosig fand. In der ich aber lebte und die mir im Vergleich zur SED-Diktatur doch nicht völlig verkehrt vorkam.

Ähnlich sah es auch bei den übrigen Verwandten aus – da kam die Blöde aus dem Westen, der Inbegriff des hemmungslosen Kapitalismus. Ich trug Jeans und Sweatshirt, nicht Pelz und Seide. Ich hatte Helmut Ko.hl nicht gewählt und eigentlich noch gar nichts gesagt. Es war ein langer und zäher Prozess, hinter all dem Ost-West-Gedöns die Menschen kennen zu lernen (sicherlich auch für die andere Seite). Meine Verwirrung zu verarbeiten und verstehen zu lernen. Wie es wohl wäre, wenn von einem Tag auf den anderen “mein” Land weg wäre, mein Wirtschaftssystem, meine Waren im Regal, mein Wertesystem. Würde ich nicht auch trauern? Am Ende sogar manche Dinge verklären? Die, deren System sich als erfolgreicher erwiesen hatte, generalverurteilen, egal, ob sie aktiv daran beteiligt waren oder nicht? 

Vielleicht sollten wir uns eingestehen, dass wir in zwei verschiedenen Systemen gelebt haben, die uns natürlich geprägt haben. Aber wir sind doch viel mehr als Wessi und Ossi, ich bin nicht im Bundestag aufgewachsen und mein Mann nicht in der Volkskammer – will sagen: wir hatten abseits des Politischen alle unsere sozialen Nischen, in denen wir herangewachsen sind, wir haben rebelliert, im Kleinen wie im Großen, oft auch resigniert, haben ferngesehen und Radio gehört, gelesen, gegessen und geschlafen, kritisiert und nachgedacht. Waren Menschen und sind Menschen. Schei.ß auf die Mauer – Prost ;-)

Posted on Oktober 3rd, 2010 by Ordinarylife  |  2 Comments »

Heute so

auf einem Plakat gesichtet:

Die Welt ist größer als der Kopf.

(manchmal beruhigend, manchmal beunruhigend)

Posted on Oktober 2nd, 2010 by Ordinarylife  |  No Comments »