Als ich Kind war, eigentlich seit ich mich erinnern kann, war Weihnachten nichts, worauf man sich freuen konnte. Meine Mutter strebte nach Perfektionismus, beim Essen, bei den Geschenken, in Sachen Sauberkeit und Weihnachtsdekoration. Mein Vater lud gern Gäste ein, je mehr und je lustiger, desto besser. Meine Mutter war schon damit überfordert, den Perfektionismus für die Kernfamilie aufrecht zu erhalten, und je mehr Gäste dazu stießen, desto schlimmer rotierte sie. Und trank. Natürlich nicht nur an Weihnachten, aber an Weihnachten besonders viel. Und so fühlte sich mein Weihnachten fürchterlich an, zwischen Eltern, die nicht über ihre Erwartungen gesprochen haben, einem Haufen Verwandter, die betreten schwiegen, wenn sie die Fahne meiner Mutter rochen, einem Vater, der fröhlich sein wollte und die merkwürdige Stimmung doch nicht beseitigen konnte, einer Mutter, die sich am Ende manchmal ins Bett verzog, oder in den Keller.
Weihnachten – das war für mich wie Glatteis im Hochsommer. Der Rahmen feierlich, der Boden unter den Füßen jedoch verschwunden. Irgendwann habe ich angefangen Weihnachten zu hassen. Mir MCs und später CDs zu wünschen, mit denen ich die Feiertage in meinem Zimmer überstehen konnte. Als ich zum Studium auszog (und meine Eltern schon nicht mehr zusammen lebten), habe ich Weihnachten manchmal ausfallen lassen – das war auch nicht so schwer in einem multikulturellen Studentenwohnheim, man konnte gemeinsam Vietnamesisch oder Arabisch kochen und lustige Videos ausleihen und sich über die ganzen Weihnachtsspießer in den Nachbarwohnblöcken amüsieren. Als einige Zeit später Kind 1 (2 und 3) das Haus bevölkerten und Weihnachten Mütter, Väter und die Schwieger-Pendants beanspruchten, gemeinsam zu feiern, wurde ich unruhig (so viel zur Erblichkeit von Neurosen). Und rödelte am Herd herum, putzte das Haus, backte Kuchen und dekorierte – und war ob dieser ganzen hausfraulichen Herausforderungen häufig misslaunig wie die Frau des Fischers im Märchen. Der Baum erschien mir schief, die Krümel unter dem Tisch kehrten zurück wie Ameisenstämme, obwohl ich sie wenig zuvor weggesaugt hatte, die Suppe schmeckte mir nicht und der Segen kehrte eigentlich erst nach den Tagen ein.
Seit zwei Jahren feiern wir Weihnachten allein mit den Kindern und holen die gemeinsamen Feiern im Lauf des Januars nach. Letztes Jahr fühlte sich das noch merkwürdig an, im Rahmen der selbst auferlegten Verhaltenstherapie plötzlich das gesamte Neurosen-Spektrum ausfallen zu lassen, aber dieses Jahr, hey, dieses Jahr war Weihnachten einfach nur gut. Das Essenkochen dauerte nicht lange und wurde weitestgehend gemeinsam erledigt, die Krümelberge unter dem Tisch habe ich ignoriert (funktioniert hervorragend bei schummriger Beleuchtung), der Weihnachtsbaum hat vier Spitzen, einen Knick in der Mitte und ist eine Naturschönheit, wir hatten nur vier Geschenke für die Kinder (ein gemeinsames und für jeden ein kleines – und haben die Geschenke, die unverlangt eintrafen, im Keller zwischengelagert) und statt angestrengt Konversation zu betreiben, saß ich inmitten von Bausteinen und Puppenkleidung auf dem Spielteppich. Die überfüllte Christmette am Heiligabend ließen wir ausfallen, da derselbe Gottesdienst am zweiten Weihnachtstag in einer halbleeren Kirche noch einmal angeboten wurde, inclusive Weihnachts-Musical. Langsam bekomme ich eine Ahnung davon, wie schön Weihnachten sein kann.