Archive for Dezember, 2010

Ziehende Landschaft

Man muß weggehen können
und doch sein wie ein Baum:
als bliebe die Wurzel im Boden,
als zöge die Landschaft und wir ständen fest.
Man muß den Atem anhalten,
bis der Wind nachläßt
und die fremde Luft um uns zu kreisen beginnt,
bis das Spiel von Licht und Schatten,
von Grün und Blau,
die alten Muster zeigt
und wir zuhause sind,
wo es auch sei,
und niedersitzen können und uns anlehnen,
als sei es an das Grab
unserer Mutter.

(Hilde Domin)

Posted on Dezember 30th, 2010 by Ordinarylife  |  No Comments »

Banale Erkenntnisse (1)

Pickel und Augenfältchen schließen einander nicht aus.

(Aber wen stören schon Augenfältchen, wenn das jüngste Kind, das gerade alles wiedergibt, was es irgendwann einmal gehört hat, abends beim Schlafengehen fröhlich aus dem Bett zu mir kräht: “Gute Nacht, Du süße kleine Hummel!” )

Posted on Dezember 28th, 2010 by Ordinarylife  |  2 Comments »

Weihnachts-Neurosen

Als ich Kind war, eigentlich seit ich mich erinnern kann, war Weihnachten nichts, worauf man sich freuen konnte. Meine Mutter strebte nach Perfektionismus, beim Essen, bei den Geschenken, in Sachen Sauberkeit und Weihnachtsdekoration. Mein Vater lud gern Gäste ein, je mehr und je lustiger, desto besser. Meine Mutter war schon damit überfordert, den Perfektionismus für die Kernfamilie aufrecht zu erhalten, und je mehr Gäste dazu stießen, desto schlimmer rotierte sie. Und trank. Natürlich nicht nur an Weihnachten, aber an Weihnachten besonders viel. Und so fühlte sich mein Weihnachten fürchterlich an, zwischen Eltern, die nicht über ihre Erwartungen gesprochen haben, einem Haufen Verwandter, die betreten schwiegen, wenn sie die Fahne meiner Mutter rochen, einem Vater, der fröhlich sein wollte und die merkwürdige Stimmung doch nicht beseitigen konnte, einer Mutter, die sich am Ende manchmal ins Bett verzog, oder in den Keller.

Weihnachten – das war für mich wie Glatteis im Hochsommer. Der Rahmen feierlich, der Boden unter den Füßen jedoch verschwunden. Irgendwann habe ich angefangen Weihnachten zu hassen. Mir MCs und später CDs zu wünschen, mit denen ich die Feiertage in meinem Zimmer überstehen konnte. Als ich zum Studium auszog (und meine Eltern schon nicht mehr zusammen lebten), habe ich Weihnachten manchmal ausfallen lassen – das war auch nicht so schwer in einem multikulturellen Studentenwohnheim, man konnte gemeinsam Vietnamesisch oder Arabisch kochen und lustige Videos ausleihen und sich über die ganzen Weihnachtsspießer in den Nachbarwohnblöcken amüsieren. Als einige Zeit später Kind 1 (2 und 3) das Haus bevölkerten und Weihnachten Mütter, Väter und die Schwieger-Pendants beanspruchten, gemeinsam zu feiern, wurde ich unruhig (so viel zur Erblichkeit von Neurosen). Und rödelte am Herd herum, putzte das Haus, backte Kuchen und dekorierte – und war ob dieser ganzen hausfraulichen Herausforderungen häufig misslaunig wie die Frau des Fischers im Märchen. Der Baum erschien mir schief, die Krümel unter dem Tisch kehrten zurück wie Ameisenstämme, obwohl ich sie wenig zuvor weggesaugt hatte, die Suppe schmeckte mir nicht und der Segen kehrte eigentlich erst nach den Tagen ein.

Seit zwei Jahren feiern wir Weihnachten allein mit den Kindern und holen die gemeinsamen Feiern im Lauf des Januars nach. Letztes Jahr fühlte sich das noch merkwürdig an, im Rahmen der selbst auferlegten Verhaltenstherapie plötzlich das gesamte Neurosen-Spektrum ausfallen zu lassen, aber dieses Jahr, hey, dieses Jahr war Weihnachten einfach nur gut. Das Essenkochen dauerte nicht lange und wurde weitestgehend gemeinsam erledigt, die Krümelberge unter dem Tisch habe ich ignoriert (funktioniert hervorragend bei schummriger Beleuchtung), der Weihnachtsbaum hat vier Spitzen, einen Knick in der Mitte und ist eine Naturschönheit, wir hatten nur vier Geschenke für die Kinder (ein gemeinsames und für jeden ein kleines – und haben die Geschenke, die unverlangt eintrafen, im Keller zwischengelagert) und statt angestrengt Konversation zu betreiben, saß ich inmitten von Bausteinen und Puppenkleidung auf dem Spielteppich. Die überfüllte Christmette am Heiligabend ließen wir ausfallen, da derselbe Gottesdienst am zweiten Weihnachtstag in einer halbleeren Kirche noch einmal angeboten wurde, inclusive Weihnachts-Musical. Langsam bekomme ich eine Ahnung davon, wie schön Weihnachten sein kann.

Posted on Dezember 28th, 2010 by Ordinarylife  |  10 Comments »

Weihnachts-Antimärchen

Der Busfahrer des Sohnes (dem wir inzwischen auch mit einer Plätzchentüte für seine tolle Arbeit gedankt haben), der geht gar nicht in den Ruhestand. Wir haben das vor Weihnachten auf Umwegen erfahren. Und das kam so: am letzten Schultag fuhr mittags aus witterungsbedingten Gründen kein Bus mehr. Die Schule sollte die Eltern darüber informieren, offenbar war die Schulsekretärin mit ihren Gedanken aber schon unterm Weihnachtsbaum, denn bei uns rief niemand an. Der Sohn stand darum mittags an der Bushaltestelle und wartete darauf, von der Schule nach Hause zu fahren. Wer Siebenjährige kennt, weiß, dass sie ganz schön aus dem Takt geraten können, wenn die Dinge sich nicht so verhalten, wie sie es sich vorstellen. Ein verzweifelter Siebenjähriger also. Und wie es die eigentlich noch ganz märchenhaften Umstände so wollten, kam eben dieser Busfahrer an der Bushaltestelle vorbeigefahren (fürsorglich, wie er ist, denke ich, er wollte schauen, ob sich nicht doch noch Kinder an die Haltestelle verirrt haben), hielt an, tröstete den Sohn, versuchte mit ihm gemeinsam, uns anzurufen (allerdings haben es die beiden gemeinsam nicht geschafft, das alte, ausgeschaltete Handy zu bedienen, das der Sohn immer in der Tasche trägt - warum auch immer …), und als beide mit dem Telefonieren nicht klar kamen, hat der Busfahrer das Kind eingepackt und ist mit ihm nach Hause gefahren. Unterwegs haben die beiden eine Tüte Bonbons geleert und geredet. Über Verzweiflung und Traurigsein und so weiter. Und dabei erfuhr das Kind dann auch, dass dem Busfahrer gekündigt wurde. Nicht, weil es die Linie nicht mehr gibt oder er seinen Job nicht gut gemacht hätte, nein, weil der Chef des Busfahrers einen alten Freund hatte, der einen Job suchte und nun nach Weihnachten eben den des Busfahrers übernimmt. Empört und mit roten Wangen vor Wut stand der Sohn nach dieser aufregenden Fahrt vor uns, wedelte mit den Armen und sagte, so etwas dürfe es doch nicht geben, schon gar nicht vor Weihnachten, wir könnten das nicht zulassen und müssten etwas tun. Nur was?

Posted on Dezember 26th, 2010 by Ordinarylife  |  5 Comments »

Frohe Weihnachten!

Und Ruhe, Glück und Muße wünsche ich allen, die hier lesen! Hier zur Zeit gar nichts, einfach nur faul sein, essen, trinken, spielen, lachen,  auf dem Sofa herumhängen und meditative Leere in Kopf, Herz und Seele einkehren lassen …

Posted on Dezember 25th, 2010 by Ordinarylife  |  1 Comment »

Schnee für die Seele

Ich mag nicht mehr. Morgens um halb sechs aufstehen, um sieben im Büro sein, bis 13.30 Uhr durcharbeiten, um 14 Uhr an der Bushaltestelle sein, um 14.30 Uhr im Kindergarten, um 15.30 Uhr beim Logopäden (ersetzbar durch Zahnarzt, Kinderarzt, Verabredung etc …), danach nach Hause, Waschen, Putzen, Aufräumen, Kochen, Einkaufen.

Die Kinder – verständlicherweise – möchten lesen, singen, vorlesen, backen, basteln, rodeln. Ich will aber nur noch ins Bett. Die Türen schließen und nichts mehr hören und sehen. Ich fühle mich ausgesaugt. Von der Arbeit, von all den Erwartungen, die an mich gestellt werden. Sogar von den Kindern, auch wenn die mir sonst immer Kraft zurückgegeben haben. Die Bilanz aus Geben und Nehmen ist gestört. Ich gebe mein Bestes, bei der Arbeit, in der Familie, nur mir, mir gebe ich nichts und gibt niemand etwas - weil da nichts mehr zu geben ist. Wann auch? Und was auch?

Schön, wenn man gut arbeitet, dann kann man in der gleichen Zeit doppelt so viele Projekte stemmen wie die Kollegen (für halb so viel Geld – das ist enorm praktisch fürs Unternehmen). Und immer noch eines drauf. Ich trage die Verantwortung für 60 Buchtitel und zwei Online-Projekte. Ich habe Rückenschmerzen. Die Schule fragt an, ob ich nicht statt drei gleich 12 Wochen unterrichten mag. Und die Theater-AG leiten. Ich war schon immer schlecht im Neinsagen. Wer ist überhaupt ich?

Ich habe Husten. Schnupfen. Seit einem Monat. Ich kann nicht mehr durchschlafen, weil ich dauernd husten muss. Meine Nase dicht ist. Mir die Beine weh tun. Ich sitze weinend (zu mehr reicht es nicht) am Boden, die Kinder tanzen um mich herum zu irischen Weihnachtsliedern und ich fühle mich wie ein Greis. Denke darüber nach, wie es wohl wäre, wenn ich mir ein Bein bräche oder mit dem Auto in den Graben rutschen würde und das Bett hüten müsste – und schäme mich sofort für diesen Gedanken. Ich habe es doch gut. Ein Dach über dem Kopf, drei tolle Kinder, genug zu essen und warme Kleidung. Die Sehnsucht, einfach anzuhalten, innezuhalten, abzuschalten – 50cm Neuschnee auf mein Leben zu streuen, damit es so ruhig und langsam wird wie die Welt da draußen, was mach ich mit ihr?

Posted on Dezember 22nd, 2010 by Ordinarylife  |  10 Comments »

Wirklich sehr gut,

hexenhaus

dass ich nie darüber nachgedacht habe, Architektin zu werden (ich trage die volle Verantwortung für die Konstruktion, die Kinder haben nur die Bauarbeiten erledigt …). Im Makler-Jargon würde man so etwas wohl als “Schmuckes Häuschen für den begabten Heimwerker” bezeichen, aber außer Holzpüppchen müssen in diesem akut einsturzgefährdeten Haus (es wird nur durch bombenfesten Zuckerguss vor dem Zusammenbruch bewahrt) ja keine Lebewesen wohnen. Le.go ist irgendwie einfacher …

Posted on Dezember 20th, 2010 by Ordinarylife  |  1 Comment »

Öhöm …

karten… wenn man die ganze Zeit davon redet, dass man die Karten in diesem Jahr selbst machen möchte, aber nie Zeit dazu findet, muss man fünfTage vor Heiligabend in Klausur gehen – und selbst dann wird es nur quick`n dirty … (und schreiben muss ich sie auch noch. Vielleicht verschenke ich zu Weihnachten einfach Internet-Anschlüsse?)

Posted on Dezember 19th, 2010 by Ordinarylife  |  1 Comment »

Was vom Frühstück übrig blieb …

Ich weiß immer noch nicht, ob ich die Schwerkraft gut oder schlecht finden soll. Andererseits: wer hätte schon Lust, ständig die Zimmerdecke zu kehren? Erwäge den Ausstieg aus der Zivilisation, den Kauf eines Resthofes, die Anschaffung von Hühnern, die unter dem Tisch sicher genug Nahrung finden würden …

fruehstueck

Posted on Dezember 18th, 2010 by Ordinarylife  |  3 Comments »

Lustisch, Mama!

An manchen Tagen empfiehlt es sich, die Kurven nicht so ordentlich auszufahren, sondern die Straßenmitte zu präferieren. Das Auto könnte sonst nämlich trotz guter Winterreifen Dinge tun, mit denen man so gar nicht einverstanden ist. Beispielsweise auf die Gegenfahrbahn rutschen. Schön, dass das Verkehrsaufkommen dieser Tage nicht so hoch ist ;-) … Schpass hatte eigentlich nur das kleine Mädchen auf dem Rücksitz. Es klatschte anerkennend in die Hände und krähte:  “Autofahren ganz lustig ist, Mama, noch mal machen!” Nein Danke, lieber eine Karussellfahrt mehr auf dem Weihnachtsmarkt …

Posted on Dezember 17th, 2010 by Ordinarylife  |  No Comments »