Archive for Februar, 2011

Big Brother is Watching You

Der Siebenjährige hat vor zwei Wochen sein Sparschwein geschlachtet und sich eine kleine, feine Digitalkamera gekauft. Seitdem knipst er Gott und die Welt und natürlich seine Kaninchen. 1800 Bilder zeigte der Counter letztens an. Am Sonntag war er stundenlang damit beschäftigt, alle Räume des Hauses aus allen Winkeln abzulichten, inclusive der Schrank- und Schubladeninhalte. “Für Go.ogle House View”, antwortete er auf meine Frage, was er denn da treibe. “Die gibt es zwar jetzt noch nicht, aber vielleicht in ein paar Jahren, da wird dann dein Haus von innen fotografiert und du kannst dir anschauen, wie andere Leute so wohnen.” (die Oma hatte dem Kind vor ein paar Tagen erklärt, dass man ihr Haus jetzt bei Goo.gle Stre.et View sehen könne) Da ich mit Hals- und Bauchweh und dem damit verbundenen Selbstmitleid keine Energie für pädagogisch wertvolle Diskussionen über Privatsphäre und Co. hatte, murmelte ich nur: “Ah, und das ist dann ganz toll?” Der Sohn bejahte. Einen Abend später dann saß er auf dem Sofa und löschte ein Bild nach dem anderen. Auf die Frage, warum er sein Sonntagnachmittagwerk zerstöre, sagte er: “Ich habe überlegt, ist ja irgendwie doof, wenn jeder Mensch auf der Welt plötzlich mein unaufgeräumtes Kinderzimmer sehen kann!” Danke, liebe Einsicht, manchmal kommst du auch, ohne dass ich meinen Mund öffnen muss …

Postscriptum: Dass man bei Stre.et Vi.ew sein Haus auch verpixeln lassen kann, wusste das Kind noch nicht. Es hätte im Falle seines Kinderzimmers sicher davon Gebrauch gemacht.

Posted on Februar 22nd, 2011 by Ordinarylife  |  4 Comments »

Es war einmal

ein kleines fieses Virus. Das fiel am Freitagnachmittag die große Tochter an und verursachte Bauchweh, Erbrechen und Halsweh. Am Wochenende pausierte das Virus, es hatte offenbar Respekt vor dem Ruhebedürfnis der Familie. Am Sonntagabend dann beschloss das Virus, seine Qualitäten zwischen Vater und Mutter gerecht zu teilen: Der Vater bekam die Magen-Darm-Elemente, die Mutter Hals- und Bauchweh. Zwei Kinder sind (noch) gesund. Als Autor eines Mathematikbuches für die Mittelstufe (oder Biologiebuches für die Oberstufe) könnte ich jetzt vermutlich fragen, a) wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass es die anderen beiden Kinder auch daniederstreckt oder b) wie viele Symptome in welcher Kombination die nächsten Mutanten des Virus bei der Übertragung auf weitere Menschen hervorbringen können.

(ich geh dann mal wieder Tee kochen)

Posted on Februar 21st, 2011 by Ordinarylife  |  5 Comments »

Sonntag in der Provinz

Ein ganz gewöhnlicher Sonntag. Und ich bin froh darüber …

Posted on Februar 20th, 2011 by Ordinarylife  |  6 Comments »

Kinder? Ja! Aber wie viele?

Manchmal, wenn ich meine drei Kinder im Garten versunken miteinander spielen sehe, wenn sie in der Badewanne sitzen und sich gegenseitig Wasser über den Kopf gießen, wenn der Große der Mittleren vorliest, die krank im Bett liegt, dann sagt mein Herz leise, aber vernehmlich: Ein vierter Knirps würde auch noch passen. Und der Bauch stimmt jovial ein: auf jeden Fall! (wenn das Flüstern allzu groß ist, decke ich in innerer Verwörrung manchmal den Tisch für sechs Personen …)

Der Kopf, der alte Problematisierer, sagt erst einmal gar nichts. Dann seufzt er und holt aus, und seine Argumentation ist so logisch, inhaltlich schlüssig, verifizierbar und plausibel, dass Herz und Bauch beleidigt schweigen. Der Kopf liebt Alliterationen: Kinder kosten und – Kinder kotzen, hat er auch schon einmal gesagt.

Ja, Kinder kosten Zeit, kosten Nerven, kosten Geld. Nicht so sehr, wenn sie klein sind. Da genügt ein Tragetuch und viel Mama, eine kleine Ecke am Elternbett, später ein Bettchen im Zimmer der Geschwister. Irgendwann aber wollen Kinder ein eigenes Zimmer, Sport machen, Trommeln lernen, Reiten gehen. Irgendwann verstehen Kinder das ein oder andere nicht und sitzen mit einer unparteiischen und unemotionalen Nachhilfelehrerin da und büffeln.

Kinder kosten – manchmal die Karriere, weil die immer noch nach 17 Uhr gemacht wird. Weil Männer immer noch fragen, wie man “das da” (gemeint ist die Führungsposition) denn mit diesen drei Kindern vereinen möchte. (eine Freundin sagte auf diese Frage einmal, sie sperre die Kinder seit Jahren in die Besenkammer, die sie mit Eierkartons vernagelt habe – das Schweigen der Personaler war ein betreten und pikiert …)

Kinder kotzen. Und das nicht nur einmal im Jahr. Sie husten, schnupfen, bringen undefinierbare Virusinfekte mit nach Hause, und auch wenn sie die Eltern nicht anstecken, müssen die zu Hause bleiben, bis die Kinder wieder gesund sind.

Und Kinder brauchen Zeit. Diese Zeit möchte ich ihnen geben. Jedem Kind. Dem Kleinen zum Kuscheln, Bücheranschauen, Träumen. Der Mittleren zum Buchstabenpinseln, Weltentdecken, Saltos machen. Und auch der Große braucht noch so viel gemeinsame Zeit, zum Lernen, Philosophieren, für Fragen der Alltagsethik, und um schlichtweg irgendwo zur Ruhe zu kommen. Jedes Kind sollte eine Zeit nur mit Mama oder Papa haben, in der es sich nicht wie ein Teil eines Rudels fühlt, sondern im Mittelpunkt steht. Unser Tag hat aber nur 24 Stunden.

Und ich? Wie viel bin ich bereit zu investieren? Da ich gerade beruflich wieder Fuß gefasst habe und am Monatsende das gute Gefühl habe, notfalls könnte ich mich allein ernähren, und wenn ich mehr arbeiten würde, hoffentlich auch die Kinder? (Abhängigkeit ist auf Dauer kein gutes Gefühl)

Ja, denke ich, natürlich könnten wir auch ohne Auto, ohne eigenes Zimmer, ohne gute Nahrung, ohne regenfeste Kleidung und ohne ein zweites Einkommen leben – aber will ich das? Ausnahmsweise sagt da auch mal der Bauch Nein …

Bei manchen Menschen scheint alles so klar: sie fahren einen Multivan, bekommen sechs oder mehr Kinder, der Vater bringt das Geld nach Hause, die Mutter bewirtschaftet zusammen mit Au Pair und Großmutter Haus und Hof. Mehrstimmige Gesänge des Innenlebens – sind ihnen die fremd? Oder haben sie einen besseren Dirigenten?

(Dieser Artikel stellt nur meine persönliche Meinung dar und keine Wertung für oder gegen die Entscheidung für Kinder. Er ist nur ein Spiegel meiner eigenen beschränkten Gedankengänge  … )

Posted on Februar 19th, 2011 by Ordinarylife  |  22 Comments »

Keine heile Welt

Vor ca. einem Jahr stolperte ich über dieses Buch.

Da unsere Kinder die Bücher von Kirsten Boie (Juli, Linnea, Alles ganz wunderbar weihnachtlich, Seeräubermoses, Ritter Trenk) immer und immer wieder lesen und in ihnen der Alltag so wunderbar unprätentiös gespiegelt wird, landete der schmale Band in meinem Am.azon-Einkaufswagen.

Das Thema ist kein Kinderthema: Erzählt wird die Geschichte eines Mannes, der heiratet, eine Familie gründet, glücklich ist. Bis das Unglück seinen Lauf nimmt: die Frau hat einen neuen Freund, der Mann wird arbeitslos, trinkt zu viel, zieht um, findet eine neue Arbeit, verliert sie wieder. Verschuldet sich, trennt sich von der Familie. Es folgt der soziale Abstieg, und irgendwann sitzt der Mann auf der Straße und hofft, dass seine Kinder nicht irgendwann bei ihm vorbeikommen. “Aber wenn sie doch irgendwann mal kommen, ist das vielleicht auch nicht so schlimm, denkt der Mann. Bestimmt erkennen sie dann ihren Papa gar nicht.”

Im Anhang findet sich ein Fragenkatalog von Grundschülern, den Verkäufer des Hamburger Obdachlosenmagazins “Hinz & Kunzt” ehrlich beantwortet haben. Ein Teil der Einnahmen für das Buch geht an dieses Straßenmagazin.

Beim Vorlesen muss man mit diversen Klößen im Hals kämpfen, und man erzeugt viel, viel Redebedarf. Aber das Buch ist wertvoll. Weil Leben eben oftmals nur mittelschön ist. Weil Urteile über Menschen ohne Kenntnis ihrer Vorgeschichte falsch sind. Weil Glück brüchig ist und der Augenblick wertvoll. Und weil manchmal ein Neuanfang möglich ist.

Posted on Februar 19th, 2011 by Ordinarylife  |  2 Comments »

Steinig

Posted on Februar 18th, 2011 by Ordinarylife  |  No Comments »

Dienstleistungsfreuden

Nicht alle Dienstleister sind so. Unser Biokistenlieferant vom Gut Wilhelmsdorf ist anders. Ganz anders. Nicht nur, dass die Kiste wöchentlich bei Sturm, Glatteis und meterhohem Schnee pünktlich gebracht wird – wir zahlen keine Liefergebühren, kein Pfand für Kisten, Joghurtgläser und Flaschen, die Preise sind völlig im Rahmen (im Sommer nahezu auf Supermarkt-Niveau), Kindergärten und Schulen bekommen nochmals reduzierte Preise oder gar die ein oder andere Stiege Äpfel ganz geschenkt, Käse, Brot, Obst und Gemüse schmecken hervorragend, und wenn es mal etwas zu beanstanden gibt, genügt eine kurze Mail, dann wird die Ware gutgeschrieben. Es gibt einen Online-Shop, in dem man “seine” Kiste individuell konfigurieren, Rosenkohl rauswerfen und Steckrüben reinnehmen kann, man kann Kaffee im Dreiwochenabstand und Joghurt wöchentlich, Knoblauch alle zwei Monate und Meerrettich jedes Vierteljahr bestellen, das Interface macht alles mit. Wöchentlich werden die Rezepte mitgeliefert, einmal jährlich ein Register. Dazu ein netter Newsletter, Infos zur Lagerung der Waren etc …

Wir kaufen wöchentlich eine Kiste für 25 Euro plus etwas Käse, eine Kinderwurst, Brot und Joghurt, d.h. mit 35 Euro sind wir dabei. Den Rest liefert der Discounter (wenn wir ausschließlich aus biologischem Anbau äßen, müssten wir ohne Kleider und Schuhe durchs Leben gehen :-( – aber auch da gibt es ja mittlerweile preiswerte ökologisch verträgliche Alternativen) – und so sind wir mit 100 Euro plus 20-30 Euro Drogerie pro Woche für Lebensmittel, Windeln und Co. unterwegs. Nicht ganz wenig, aber ich glaube, wir bewegen uns im guten Mittelfeld …

Posted on Februar 18th, 2011 by Ordinarylife  |  6 Comments »

Dienstleistungsgrummeln

“Habe Sie heute nicht angetroffen. Komme morgen 9 Uhr wieder. Ihr Schornsteinfeger”, so stand es auf dem Zettel, der gestern an der Haustür pappte, als wir nachmittags von Schule, Kiga und Arbeit zurückkehrten. Da ich heute um 9 Uhr einen Termin hatte, rief ich die Schornsteinfegernummer an und erklärte ihm, dass er später kommen müsse. “Ja, gute Frau, wann sind Sie denn endlich mal zu Hause?” Wenn ich genug Geld erwirtschaftet habe, um Ihre vierteljährlichen Kontrollen unserer makellosen Gasheizung bezahlen zu können. “So gegen 11?” “Dann muss ich ja NOCHMAL vorbeikommen!” Ja, ist dann wohl so.

Hmm … erwarte ich von Dienstleistern eigentlich zu viel? Vor einigen Jahren, ich hatte gerade meinen neuen Job in der neuen Stadt angetreten, klingelte es morgens gegen 6 Uhr. Ich öffnete nicht und fand eine Stunde später einen Zettel der Stadtwerke vor der Tür, dass ich mich bitte dringendst zwecks Terminvereinbarung zu melden habe. Am Telefon schlug man mir allen Ernstes einen Termin um halb sechs am Morgen (oder wahlweise 12 Uhr mittags, ganz toll, wenn man Vollzeit arbeitet und vor drei Tagen seinen Job angetreten hat) vor, und der Herr, der am nächsten Morgen vor der Tür stand, sagte hämisch: “Na, gestern wohl noch im Bett gelegen, als ich da war?!

Ich erwarte ja gar nicht, dass Dienstleister fürchterliche Verrenkungen anstellen, um ihre Dienste zu leisten. Nur ein ganz klein wenig Höflichkeit, Service-Orientierung und eventuell das Bewusstsein im Hinterkopf, dass ich die Rechnungen zahle, die sie ausstellen.

Posted on Februar 18th, 2011 by Ordinarylife  |  4 Comments »

Frauenbilder

“Also, der Schrank hier, der darf in den nächsten fünf Stunden erst einmal nicht verschoben werden, der muss sich klimatisieren!”, sprach der Möbelmonteur. Ich verneinte. Warum sollte ich auch den Schrank, der just an der Stelle steht, an der er stehen sollte, verschieben? “Na, ich mein ja nur so, falls Sie da putzen wollen …”, schob er nach. Sehe ich so aus, als würde ich den ganzen Tag putzen? Ich habe gestern die Stelle gewischt, an der der Schrank stehen sollte. Vor ein paar Jahren, noch in unserer alten Wohnung, reparierte der Sanitär- und Heizungsmann die Duschwand. “Bitte in den nächsten zwei Stunden nicht mit Antikalkreiniger putzen, der Kleber trocknet noch!” Ja, Danke, ich bin eine Frau. Aber Putzen ist nicht meine Leidenschaft, nicht einmal mein Hobby. Vielleicht sollte ich die Projektpläne an die Männer in meiner Umgebung demnächst mit den Worten “Aber bitte nicht reinbohren, das Papier hat nicht die erforderliche Dicke” überreichen und dem Mann das gebügelte Hemd mit dem Hinweis, dass er die fehlenden Knöpfe weder anschweißen noch dranhämmern darf … einfach nur, um das Klischee zu bedienen.

Posted on Februar 16th, 2011 by Ordinarylife  |  4 Comments »

Tischlein deck dich!

Wir sind eine fünfköpfige Familie (mit fünf- und mehrköpfigen Freundesfamilien). Bislang saßen wir an einem eigentlich nur für vier Personen konzipierten Esstisch vom Möbelschweden, erworben zu einer Zeit, als noch kein Kind Flüssigkeiten, Wachsmaler und Frischkäse in Tischoberflächen einmassierte. Dazu gab es vier Stühle und zwei Hochstühle. Wenn Freunde kamen, trugen wir meist eine Gartenbank hinein, und die Kinder saßen im Wohnzimmer am kleinen Tisch. Alles sah über die Jahre hinweg etwas schäbig provisorisch aus. Darum haben wir uns zu Weihnachten einen neuen Tisch, vier Stühle und – absolutes Highlight – eine Bank gegönnt. Zunächst hatten wir uns in weiß lackierte Möbel verliebt, die aber dem Härtetest nicht standhielten (großes Gewackel beim Sitzen auf den Stühlen und Anfassen des Tisches). Der nächste Ausstellungsraum beherbergte die unbehandelten Hölzer – und da stand dieser Eichentisch. Ich war ja bislang kein Freund von “Eiche rustikal” (meine Oma hatte so eine bedräuliche Wohnwand, die stets aussah, als wolle sie uns, die auf dem Biedermeiersofa sitzende Familie, mit ihrer Dunkelheit erschlagen …), aber dieser Tisch erinnerte uns an Urlaub in der Toscana, an unbeschwerte Tage, weite Landschaften, gemütliches Zusammensitzen mit einer Flasche Wein und natürlich an leckeres Essen. Und so ist das wohl mit Erinnerungen, sie lassen einen die Dinge in einem anderen Licht sehen. Die Eiche und wir – künftig am Esstisch eine Einheit. (die Größe des Tisches schreit ja schon förmlich nach einer Wiederholung der Großfeier vom Sonntag ;-) ). Schön auch, dass Weihnachtsgeschenke, die Mitte Februar eintreffen, doppelte Freude bereiten …

Posted on Februar 16th, 2011 by Ordinarylife  |  12 Comments »