“Weißt du”, sagte die Mutter einer Klassenkameradin, mit der ich gestern telefonierte, “niemals nie würde ich meinem Kind ein Antibiotikum geben. Selbst wenn es eine akute Blutvergiftung hätte! Und du?” Ich schon. Dazu bin ich viel zu sehr Schisser. Obwohl ich der Naturheilkunde viel zutraue. Und dann lag ich im Bett und dachte darüber nach, warum ich nicht Fisch, nicht Fleisch bin. Wir therapieren, wenn möglich, mit Kräutertees, selbstgekochtem Hustensaft, Wadenwickeln, und auch der Homöopathie sind wir nicht abgeneigt. Wenn es um Leben und Tod geht, bin ich aber doch sehr froh, dass es schulmedizinische Maßnahmen wie Antibiose, Betablocker und Co. gibt. Bin ich inkonsequent?
Wir kaufen, wo möglich, aus biologischem Anbau. Trotzdem überfallen mich dann und wann ganz schlimme Gelüste auf Döner und Pommes, denen ich auch ohne Skrupel nachgehe. Ich kann mich nicht auf die Seite der Frauen schlagen, die 60 Stunden arbeiten und das Zusammensein mit Kindern als hormongesteuerte Karrierebremse betrachten, und auch nicht auf die Seite derjenigen, die ihre Kinder ausschließlich zu Hause betreuen, weil die stabile und ausschließliche Bindung an die Mutter nun mal das allerbeste sei ist fürs Kind.
Ich bemühe mich, Energie zu sparen und das Auto stehen zu lassen, wo immer es geht und fahre doch ein- bis zweimal pro Woche längere Strecken zu meinen Auftraggebern mit dem Auto, weil ich mit dem ÖPNV nicht vor Sonnenuntergang zu Hause, geschweige denn im Kindergarten wäre.
Ich bin politisch interessiert, schaffe es aber nicht, mehr als darüber zu reden.
Und so laviere ich mich durchs Leben, nehme das eine aus dieser Philosophie mit und das andere aus jener, bemühe mich redlich und bleibe doch nur Mittelmaß. Kann mich keiner Bewegung so richtig anschließen, sage nicht “niemals nie” und auch nicht “immer” – und denke manchmal neidvoll, vielleicht wäre es einfacher, nur das eine zu sein. Wäre das Wir-Gefühl dann größer, das warme “We are Family” ausgeprägter? Gut oder böse, schwarz oder weiß, Öko oder Currywurst … Ich weiß es nicht.
Edit: Im Kindergarten über dem Schreibtisch der Lieblingserzieherin hängt eine Tafel. Darauf steht: “Ideal ist, was es nicht gibt.”