Als ich von zu Hause auszog, war ich 19. Das, was ich studieren wollte, hätte ich zu Hause studieren können, aber ich wollte nicht. Nach der Schule hatte ich mir verschiedene Unis angeschaut: Bielefeld, Paderborn, Münster, Bochum und Göttingen. Aus einem rational nicht nachvollziehbaren Grund blieb mein Herz an Bochum kleben, so als finde man im Garten einen zerzausten Spatz, von dem man weiß, dass er sich ganz schnell ganz tief ins eigene Herz graben würde. (vielleicht war es auch nur die energiegeladene Sekretärin im Fachbereich Geschichte, die mich stark beeindruckte, die Kaninchen im Stadtpark oder die Currywurst am Engelbertbrunnen, ich weiß es nicht mehr)
Ich überzeugte meine Eltern, dass ich nur und ausschließlich in Bochum studieren wollte – und zog aus. Und begann zu leben. Endlich konnte ich den Spieß umdrehen und die Welt kennen lernen. Zu Hause war es stets umgekehrt: Alle Welt kannte mich und die Familienprobleme, und wo ich auch hinging, ich brachte meine Geschichte mit. Nun ging ich hin und die Geschichte begann neu mit mir. Ich studierte, lernte Menschen kennen, die mich prägten, Orte, Off-Kinos, Theater und Kabarett, Stadtparks, U- und S-Bahn-Linien, wirre Dozenten und glasklare Professoren, Studentenjobs in Callcentern, Altenheimen, Bibliotheken und Behinderteneinrichtungen. Saß abends in Kneipen, an WG-Tischen, lachte viel und genoss eine unglaubliche Freiheit. Zu Hause hatte ich immer gefroren, doch plötzlich waren Hände und Füße warm, auch im Regen und im Winter. Ich war ich und hatte gerade erst davon erfahren.
Und so kommt es wohl, dass ich zum Revier eine ganz besondere Leidenschaft hege. Manchmal zurückfahre, mich in die U-Bahn setze, den Menschen zuhöre, wie sie sprechen, die oft grauen Fassaden anschaue, weil sie mir so vertraut sind in ihrer Hässlichkeit, darüber staune, wie viele Menschen an der Ruhr spazieren gehen, ohne sich dabei über den Haufen zu trampeln. Manchmal sitze ich auch in Kneipen und wundere mich darüber, dass man neuerdings mit Skateboard und Käppi studiert, ich freue mich, mit den Kindern ins Bergbaumuseum unter Tage zu fahren und anschließend Currywurst zu essen. Würde gern länger bleiben, um abends noch ins Theater und anschließend in die Kneipe zu gehen und muss doch zurück in die Provinz. Horche auf, wenn jemand Jahrhunderthalle, Kemnader Stausee oder Bermudadreieck sagt.
Stelle fest: Mein Herz hat mehr als eine Heimat.
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