Ich bekenne: Ich bin harmoniesüchtig
An manchen Nachmittagen möchte ich meine Kinder im Wald aussetzen. Manchmal schon kurz nachdem ich sie abgeholt und ins Auto gepackt habe. Zanktage, Zeter-und-Mordio-Tage, Streittage. Ich weiß nicht warum, aber es gibt Tage, an denen kann man sich über alles streiten: wer den größeren Apfel in der Tasche hat, warum das T-Shirt von A anders oder besser riecht als das von B, ob nicht C den größeren Platz auf Mamas Schoß beansprucht als B etc … Und hier kommt meine blöde Harmoniesucht ins Spiel: ich hasse dieses Streiten um scheinbare Nichtigkeiten (für die Kinder sind es ja keine Nichtigkeiten). Nach einem anstrengenden Vormittag klingeln mir die Ohren von “Gar nicht!”, “Wohl!”, “Nein!”, “Doch!”, “Selber, selber, lachen alle Kälber!” Seit der Große zur Schule geht, hat er einen interessanten Fundus an Schimpfwörtern, deren Bedeutung er selbst nicht durchschaut, die er aber gezielt einsetzen kann. Die kleine Schwester kreischt wütend los, und die Allerkleinste vergießt dicke Tränen. Ich stehe dazwischen und denke “Ruhe, kann hier nicht einfach mal Ruhe sein?” Manchmal erwische ich mich dabei, das auch laut zu sagen. Die Kinder zu bitten, sich zu vertragen, obwohl ich sehe, dass sie innerlich noch brodeln, einfach weil mir dieses Keifkreischgeräusch auf den Wecker geht. Das sind keine guten Tage, und ich weiß, dass ich die Auseinandersetzung zwischen den Kindern meiner Harmoniesucht opfere. Kann nicht gut tun. Schließlich will ich keine Duckmäuler erziehen, die nicht in der Lage sind, ihre Meinung zu vertreten. An guten Tagen geht es aber auch anders: da höre ich lange Zeit weg, greife nur ein, wenn es zu Handgreiflichkeiten kommt – und wir üben, wie wir die Dinge sagen können, ohne andere zu verletzen. “Du bist also der Meinung, dein Kuchenstück ist größer? Gut, wiegen wir mal beide aus!” Oder aber “Es nervt dich, dass dein Bruder die Rutsche blockiert. Was meinst du, was du ihm sagen könntest? Versuch mal, das ganz freundlich zu formulieren.” Der guten Tage gibt es in letzter Zeit mehr, seit ich mir bewusst gemacht habe, dass dieses Zanken wohl zur Ausbildung von Sozialkompetenz dazugehört. Ich war Einzelkind, und die wenigen Male, die ich mit Klassenkameraden gezankt habe, kann ich an einer Hand abzählen. Im Nachhinein denke ich, mir hat jemand gefehlt, mit dem ich streiten konnte. Lautstark. Streit erschüttert mich, ich sehe die Dinge ins Wanken geraten und habe Angst, man könnte mich nicht mehr lieben. Dann doch lieber Ohren auf Durchzug stellen und streiten üben.
Übrigens habe ich die beiden Großen auch schon mal ausgesetzt: am Kinderspielplatz fünf Minuten von unserer Haustür entfernt, mit der Bitte, sich auf dem Weg nach Hause eine Lösung für ihr Problem einfallen zu lassen. Das Überraschungsmoment war so groß, dass sie, nach Hause gekommen, gar nicht mehr wussten, weshalb sie sich gegenseitig in die Oberarme gekniffen hatten.
