Verbrechermutti

Falls Sie heute ein ohrenbetäubendes Geschrei gehört haben und eine Mutter beobachten konnten, die mit einem kleinen Mädchen fluchtartig den Supermarkt verließ, das war ich. Manchmal, bevor wir den großen Sohn vom Bus abholen, drehen das kleine Mädchen und ich eine kleine Runde durch den örtlichen Supermarkt. Ein Paket Butter kaufen, oder ein Bund Möhren. Fast immer sitzt um diese Uhrzeit dieselbe Verkäuferin an der Kasse, und fast immer bekommt das kleine Mädchen beim Bezahlen einen Kirschlolli. Nicht prickelnd zwar, aber was solls, die Zähne der Kinder sind in Ordnung, sie putzen nach jeder Mahlzeit, und ich glaube, komplett zuckerfreie Kindheiten gibt es nicht. Heute aber begab es sich, dass das kleinste Mädchen just fünf Minuten vorher seine Zähne geputzt hatte. Auf die Frage, ob es ein Lolli sein solle, antwortete ich genau das: “Nein, vielen Dank, heute mal nicht, die Zähnchen sind frisch geputzt!” Nicht damit gerechnet hatte ich, dass das Ablehnen eines Lollis der Erregung eines öffentlichen Ärgernisses gleichkommt. Nicht nur das kleine Mädchen, das ansonsten eine engelsgleiche Gemütsruhe besitzt, schwoll rosarot an und brüllte aus Leibeskräften, nein, die Kassiererin war drauf und dran, es ihr gleich zu tun. “Ja bitte, dann eben nicht!”, presste sie wutunterdrückt hervor. Die ältere Dame hinter mir schüttelte vernichtend den Kopf, und die Supermarktleitung der benachbarten Obstabteilung schaute mich an, als hätte ich soeben öffentlich gefordert, Verkäuferinnen nicht mehr auf 400-Euro-Basis einzustellen und Kon.dome auch in XXL anzubieten. Auf dem Parkplatz rief eine ondulierte Frau hinter mir her: “Es ist doch nur ein Lolli!”, und ich antwortete: “Aber es sind 20 saubere Zähne!” Im Geiste solidarisierte ich mich mit dem Zahnarzt der Kinder und versuchte mir vorzustellen, er hätte hinter mir gestanden. Ich schätze, wenn die kleine Tochter groß ist, wird der jederzeitige Genuss eines Kirschlollis in die Charta der Menschenrechte aufgenommen.

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