Alles hat seine Zeit
Als der Große geboren wurde, habe ich Entwicklungsbücher gelesen und Pekip-Kurse besucht. Das Kind morgens und abends massiert. Jeden Entwicklungsschritt dokumentiert und dabei nach links und rechts geschaut. In Gesprächen mit anderen Müttern lernte ich das “Mein-Kind-kann-schon”-Syndrom kennen (Danke für diesen tollen Blogbeitrag!). Und immer waren Kinder dabei, die konnten schon laufen, krabbeln, nachts durchschlafen (enorm wichtig für die Mütter), zehn Stunden ohne Milch auskommen, auf einer Kraxe die Zugspitze besteigen und und und … “So Kind”, dachte ich manchmal zu Hause. “Und was kannst du?” Das arme erste Kind hat es an sich, unfreiwilliges Versuchskaninchen für seine Eltern zu sein. Es landet zuerst im Kindergarten, wo es mit dem “Mein-Kind-kann-schon” weitergeht, dann in der Schule, wo im schlimmsten Fall die Lehrperson dem Kind, das noch gar nicht competent for competition ist, erzählt, dass A, B oder C dieses oder jenes auch schon viel besser können. Mit dem ersten Kind haben wir vor der Schule Buchstaben geübt, weil manche Kinder schon lesen konnten; wir haben mit diesem Kind Rechnen geübt, weil Schantalle und Kewin schon eine Seite weiter waren im Mathebuch, wir haben mit ihm Silben geklatscht und zu englischen Liedern getanzt. Nein, nein, das alles ist nicht schlecht. Schlecht daran war nur der Druck, unter dem wir es getan haben. Je größer und mehr die Kinder wurden, desto weniger haben wir dem Druck nachgegeben. Es ging nicht mehr, nein, und wir wollten nicht mehr. “Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht”, lautet das Sprichwort, und es stimmt. Das Kindergartenkind erkennt die Buchstaben, ohne dass ich einmal mit ihm geübt hätte, und es legt geometrische Formen aus Kastanien und Eicheln, ohne dass ein elterliches Curriculum dahinter stünde. Das größte Kind wiederum, das, das beim Rechnen zwei Seiten hinter Schantalle und Kewin herhinkte und in den Sommerferien seine Mathesachen ganz tief hinten im Zimmer verbuddelte, dieses Kind überrascht mich plötzlich damit, dass es dreistellige Hundertergruppen im Kopf addiert. Das Kleinkind wiederum wurde trocken, nachdem es selbst einforderte, die Windeln nun mal dem Nachbarsbaby zu schenken. Wir haben keine Uhr gestellt, kein Töpfchentraining gemacht, keine tollen Sitzkonstruktionen auf der Toilette aufgebaut und das Ganze nicht einmal literarisch begleitet. Seitdem glaube ich, dass alles seine Zeit hat: das Durchschlafen, das Chinesischlernen, das Rechnen, das Bratschespielen und das Nichtstun, das Warten und Beobachten. Die Hand, das Lexikon oder das Taschentuch reichen, wenn sie gebraucht werden, aber ansonsten auch ganz viel Gewährenlassen und Gedulden und Erfreuen daran, dass Fähigkeiten reifen können. Schade nur, dass unsere uniformierten Bildungsgänge so wenig Raum ermöglichen für individuelles Lerntempo und das “Mein-Kind-kann-schon” oft zum Maßstab aller Dinge wird.
