Da der Allerbeste in dieser Woche Urlaub hat, habe ich den freien Vormittag für einen Ausflug zur nächstgelegenen Arbeitsagentur genutzt. Man erinnere sich: Mein AG hat im März seine Tore geschlossen, darum sollte ich mich vorsichtshalber und überhaupt irgendwann frühzeitig arbeitssuchend melden, obwohl ich eigentlich mehr als genug Arbeit habe. Schon die Anreise war aufregend: für die komplette Agentur stehen ca. 25 Parkplätze zur Verfügung, von denen gefühlt 21 für die Mitarbeiter reserviert sind. Wirtschaftsstarke Region oder Abschreckungsstrategie? Nachdem ich erfolgreich Parkplatz Nr. 23 belegt hatte (affenschnell eingeparkt, als der Mann vor mir ausparkte), bin ich brav zum Empfang gedackelt, als ich plötzlich eine Riesenpranke auf meinen Schultern fand. “Ich dransein, du warten!”, sprach der russische Zuhälter mit Goldkettchen und Stiefeletten zu mir, und eingeschüchtert stellte ich mich hinter ihm an, um wenige Stunden Minuten später indiskret mitzuhören, dass er keine gültigen Aufenthaltspapiere besitzt und sich eigentlich bei der Empfangsdame für ALG II melden sollte. Leichtes unauffälliges Grinsen meinerseits …
Mit den ausgefüllten Unterlagen ging es dann zur Sachbearbeiterin meines Misstrauens Vertrauens, die mich inquisitorisch ca. 33x fragte, ob ich denn wirklich ab Herbst wieder arbeiten wolle, das Kind sei doch noch so klein, und überhaupt, warum denn Vollzeit etc … Nachdem ich ihr 35x glaubwürdig versicherte, wir hätten eine Ganztagsbetreuung für alle Kinder und natürlich würde ich in Vollzeit einsteigen (am Ende berechnet sie noch das ALG in Anlehnung an eine Teilzeitbeschäftigung) – das Abklären von Voll- oder Teilzeit ist imho eine Sache, die mich und den AG betrifft und nicht das Arbeitsamt – las sie sich meine Unterlagen durch und wurde zunehmend, als hätte einer einen Hebel umgelegt, höchstfreundlichst. “Ach ja, Hochschulstudium, nein, klar, dass Sie nicht zu Hause sitzen wollen, wäre ja auch schade drum!” “Oh, Sie haben im Internet-Bereich gearbeitet, prima, dann können Sie ja auch Ihr Profil bei uns selbst pflegen!” etc …
Für die übernächste Woche habe ich jetzt ein Beratungsgespräch bei der Dame, die für Akademiker zuständig ist, darf schon einmal überlegen, was ich möchte (Sofortrente von 5000 Euro monatlich bis zum Lebensende), und überhaupt geht sie davon aus, dass ich bei meiner Qualifikation sowieso vor Oktober etwas finde, wenn ich die Kinder in meinem Lebenslauf verschweige und den Abschluss meiner Familienplanung durch glaubhaften Beleg einer Gebärmutter-OP dokumentiere. Schön zu hören, offenbar haben die Mitarbeiter einen Motivations- und Klientenrückenstärkungskurs belegt, und es war sogar noch Platz für ein kleines Schwätzchen über Berufstätigkeit und Kinder (wie sich herausstellte, hat sie selber welche). Nach diesem aufregenden Besuch fuhr ich einigermaßen erleichtert und beschwingt gen Heimat, als auf der Straße zum krönenden Abschluss noch eine Verkehrskontrolle erfolgte. Da ich in des Mannes Auto unterwegs war, wusste ich nicht, wo sich Reserverad, Verbandskasten etc … befinden Herr Polizist, ich leide unter parziellen Anfällen von Alzheimer und habe ein fieberndes Kind zu Hause, ich fuhr also brav rechts heran und lächelte völlig dämlich freundlich. Offenbar hatte der Herr Wachtmeister ein Einsehen mit mir, mein Lächeln war dümmlich freundlich genug, oder aber der Mann im PKW vor mir hatte genügend auf dem Kerbholz - jedenfalls lächelte der Herr Polizist freundlich zurück und ließ mich weiterfahren. Einfach so. Dann noch einen schönen Tag
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