“Es gibt Zeiten im Leben eines Kindes, da sollte die Mutter nicht arbeiten!”, sprach die Klassenlehrerin der ersten Klasse am ersten Elternabend. Im Geiste fügte ich hinzu “Und diese Phase dauert von der Geburt bis zum Abitur oder wahlweise bis zum Ende der Ausbildung!” Eben erhielt ich eine E-Mail. In der Schule des Großen haben sich ambitionierte Mütter zusammengetan, um in der Pause Brötchen zu schmieren und Waffeln zu backen – nicht, weil es sich um eine Schule in einem ausgesprochenen Krisengebiet mit hungernden Kindern handelt, sondern um die Klassenkasse aufzubessern. Nun wäre es ja okay, wenn das Waffelnbacken und Brötchenschmieren auf freiwilliger Basis geschähe – tut es aber nicht. Schwuppdiwupp werden verpflichtende Brötchenpläne ausgearbeitet, mit Vertretungsregelungen und Mengenangaben. Und immer und überall schwingt die Frage mit: Warum kommst du nicht zum Waffelnbacken dazu? Oh, vielleicht, weil ich arbeite in diesen wenigen Stunden, in denen sich meine Kinder außer Haus befinden? “Ach so.” Betretenes Schweigen.
Die Grundschule vor Ort ruft die Mütter im Dorfkäseblatt auf, doch bitte der Schule Farbe, Pinsel und Arbeitskraft zur Verfügung zu stellen, die Eltern seien eingeladen, die Schule von innen neu gestalten. Aufgrund gekürzter Sachmittel müsse man die Sache selbst in die Hand nehmen. Am Freitagmorgen.
Die Nachbarin erklärt mir mit vorwurfsvollem Unterton (ich hatte gar nicht nachgefragt), sie könne auch nach zehn Jahren Elternzeit nicht anfangen zu arbeiten, jetzt wo ihr Sohn aufs Gymnasium gehe, sei sie vollauf damit beschäftigt, sich den Stoff für Französisch und Chemie anzueignen, um ihrem Sohn nachmittags unter die Arme greifen zu können. Okay.
Die Sozialarbeiterin der Krankenstation, auf der meine Mutter vor einem halben Jahr wegen partieller Erblindung lag, fragt telefonisch nach, ob ich wirklich keine Möglichkeit hätte, meine Mutter zu mir zu nehmen und zu pflegen. Es ginge ja nur um die Tage, nachts schlafe sie ja.
Und bevor mich jetzt jemand für karrieregeil, herzlos oder unsozial hält: Ich finde es toll, für die Schule Kuchen zu backen. Ich setze mich auch gern hin und frage chemische Formeln ab. Und ich bewundere alle Frauen (und Männer), die ihre kranken Eltern zu sich holen und ihnen viel Zeit widmen. Was mich stört, nicht nur stört, sondern regelmäßig wütend macht ist nur die Tatsache, dass die Gesellschaft all diese Tätigkeiten von Frauen (nicht von Männern) erwartet. Pflegen, helfen, schützen, Geld einsammeln. Kuchen backen. Kittmasse der Gesellschaft sein. Selbstverständlich selbst- und kostenlos. Kittmasse für dieselbe Gesellschaft, die ihnen 20-30 Jahre später erklärt, eine nennenswerte Rente gäbe es aber nicht, die Frau sei ja immer “zu Haus” gewesen und habe vom Geld ihres Mannes gelebt. Selbst schuld, wer sich so abhängig mache.
Irgend etwas läuft hier doch gründlich falsch.
Erstens. Wir arbeiten und sind Steuerzahler. Darf ich da nicht erwarten, dass die Schule, die mein Kind besucht, von Steuergeldern unterhalten wird? Und darf ich als Mutter nicht auch (ein klein wenig) erwarten, dass die Kinder in die Schule gehen, um dort von qualifiziertem Fachpersonal unterrichtet zu werden? Muss ich mir den Stoff von 10 Unterrichtsfächern, statt zu arbeiten, selbst aneignen, um das Kind zum Abitur zu schleifen?
Zweitens. Wenn eine Gesellschaft darauf aufbaut, dass Menschen, die keiner bezahlten Tätigkeit nachgehen, für diese Gesellschaft relevante Arbeit leisten (Kindererziehung, Altenpflege) dann muss sie sich diese Arbeit auch etwas kosten lassen. Im jetzigen Leben und im Hinblick auf die Rente. Eine Fachkraft, die eine Mutter im Krankheitsfall vertritt, putzt, Kinder betreut, wäscht und zum Sport bringt, verdient 15 Euro pro Stunde. Das ist nicht viel, aber mehr, als jede Mutter verdient. Außerdem zahlt sie selbst in die KV und RV ein. Eine Vollzeitmutter nicht.
Drittens. Alle Lebensformen stehen gleichberechtigt nebeneinander. Eigentlich alles ganz einfach. Vielleicht 2090?