Archive for the ‘Erinnerungen’ Category
Erbarmen, Nachsicht, Verzeihen
Ich hatte keine lustige Kindheit. Wobei ich mich frage: Müssen Kindheiten immer lustig sein? Und ist Bullerbü nicht eher Vision als Wirklichkeit? Meine Mutter war physisch anwesend, aber eben nur physisch. Eigentlich lebte sie nur mit der Flasche und für die Flasche. Und wenn ohne Flasche, dann ging es mir noch schlechter. Mein Vater kompensierte – da er aber ganztags arbeitete, eben nur unzureichend. Zugig war sie, die Kindheit, und nie wusste man, wie der nächste Tag sein würde. Das hat Narben in meiner Seele hinterlassen, und Narben bleiben. Die Frage, was man daraus macht, ist das eine. Ich bin eine Meisterin der Maske und habe das Auftragen von Seelen-Makeup perfektioniert. Mittlerweile gibt es aber auch genügend Handlungsräume, in denen ich ungeschminkt herumlaufe, und mit diesem Gleichgewicht kann ich gut leben.
Die Frage, wie man mit dem Narbenverursacher umgeht, ist die andere. Ich habe lange gedacht, dass ich nicht verzeihen kann. Aber ich bin nachsichtiger geworden. Mit den Eltern, die diese Dinge sicher nicht getan haben, um mir die Kindheit zu verderben. Dumm halt, dass ein Kind daneben stand, aber nicht Intention. Ich bin geneigter, die Sucht als das zu betrachten, was sie ist: eine Krankheit. Und den Menschen dahinter als schwachen Menschen mit vielen guten Ansätzen. Nachsicht befreit von so vielem: vom Hadern mit dem eigenen Schicksal, von der Last das Nachtragens, vom Wiederkäuen bitterer Episoden. Nachsicht heißt nicht: ungeschehen machen. Heißt nur, seinen Frieden schließen. Schön, dass das menschliche Leben das hergibt.
Verzeihen schließlich. Mein Vater war ein aufbrausender Vater. Wenn die Mathe-Hausaufgaben mir nicht so leicht von der Hand gingen wie sie sollten, wenn meine Kleidungswahl oder die Farbe meiner Haare überhaupt nicht mit seinen Wertvorstellungen übereinstimmte, konnte er explodieren wie ein heftiges Gewitter. Aber ein Ende war absehbar. Und abends, das war für mich das Wichtigste, konnten wir den Streit beilegen. Es gab keinen Abend, an dem ich in Unfrieden ins Bett getapst bin. Es gab so etwas wie Verzeihung. Das habe ich beibehalten: bei allem Streit um Kleinkram, der manchmal schlechten Laune, die einem Regentage in Verbindung mit zahnendem Kleinkind und großem Einmaleins so bereiten können: niemand soll unglücklich einschlafen. Davor gibt es Nachsicht, gibt es Verzeihung, gibt es Liebe.
(und nein, ich trage keinen Heiligenschein, ich berufe mich bei dieser Einsicht nur auf mein fortgeschrittenes Alter
)
Geburtslieder
Als ich eben wahllos am Ipod herumdallerte, fiel mir auf, dass ich noch nirgendwo festgehalten habe, welche Lieder die Geburten meiner Kinder begleitet habe, obwohl sich diese Lieder so sehr eingebrannt habe, dass mir wohl bis zum Lebensende die Tränen kullern, wenn ich sie höre. Beim Großen, im dann doch trotz aller Bemühungen sehr sterilen Krankenhaus, hatte ich eine Handvoll CDs ausgewählt, die ich gern im Kreißsaal hören wollte, mir fehlte aber mit fortschreitender Weherei der Nerv, den DJ zu spielen, darum übernahm das die diensthabende Hebamme, indem sie in Endlos-Schleife eine CD spielte, auf der sich unter anderem “The Lion Sleeps Tonight” befand. Witzig, wenn man bedenkt, dass das mein Sternzeichen und das des kleinen großen Sohnes ist. Der tatsächlich sehr verschlafen und ruhig und keineswegs brüllend das Licht der Welt erblickte.
Das große Mädchen hatte dann hatte das Glück, im neu eröffneten Geburtshaus das Licht der Welt erblicken zu dürfen. Da ich in den Wochen zuvor einen wunderbaren Yoga-Kurs besucht hatte, liefen im Hintergrund Kundalini-Mantren, ähnlich wie diese hier, ich hätte gern meine verlinkt, aber die finde ich nirgendwo … Die Geburt verlief äußerst friedlich, das Tochterkind brüllte allerdings kräftigst, als es auf die Welt kam. Ob ihm die Musik nicht gefallen hat? Später allerdings ist sie dabei gern im Tragetuch eingeschlafen …
Beim kleinen Mädchen traf mich die Geburt zwar nicht unvorbereitet, aber ich hatte keinerlei Lust auf Kurse und Vorbereitungsmaßnahmen, und so dudelte nach Platz.en der Fruchtbl.ase einfallslos, weil sie eben so im Player lag, diese CD im Wohnzimmer “Snoezelen. Traumstunden für Kinder” Dummerweise ließ sich das kleine Mädchen davon tatsächlich einlullern und legte nach vollständiger Öffnung des Mutt.ermund.es eine längere Snoezel-Pause ein. Dankenswerterweise fiel dem im Gegensatz zu mir denkenden Mann noch rechtzeitig ein, es mal mit den Kundalini-Mantren zu versuchen, und danach ging es ratzfatz weiter, bis sich die kleine Dickmamsell mit ihren breiten Schultern rauswuchtete, um zwischen uns auf dem Sofa ziemlich bald weiterzuschlafen
…
Ab und an höre ich die Geburtslieder – und dabei befällt mich stets so ein “Yes We Can!”-Gefühl – eine Mischung aus Aufbruchsstimmung, Stolz, freudiger Erwartung und eine aus einem wie auch immer gearteten Urvertrauen gespeiste Gewissheit, dass am Ende alles gut wird. Sollte ich wohl mal öfter hören, meine Geburtslieder …
Und was lief bei Ihnen so? (außer dem Fruchtw.asser?)
Schlüssel-Erlebnis
Irgendwann, ich war noch nicht lange in der neuen Stadt und im neuen Job, habe ich abends zusammen mit einem Kollegen, der ebenfalls noch nicht lange und neu in der Stadt und im Job war, das ein oder andere Glas Wein geleert. Es muss so gegen 1 Uhr nachts gewesen sein, als ich mich mit dem Fahrrad auf den Weg nach Hause machte. Auf dem Rücken meinen etwas löcherigen Rucksack (klar, ich arbeitete in einem Start Up und hatte weder Zeit noch Geld für ordentliche Taschen
) . Im Dunkeln fuhr ich über einen Gullideckel, es klirrte metallisch und in diesem Augenblick wusste ich, das war mein HAUSTÜRSCHLÜSSEL. Fluchend fuhr ich zurück zum Kollegen, alarmierte den Schlüsseldienst und strampelte nach Hause. Dort erwartete mich bereits ein älterer Herr, der angesichts meiner Wohnungstür (von deren kompliziertem Innenleben ich bislang nichts wusste) verzweifelt die Hände über dem Kopf zusammenschlug: “Hooochsicherheitstür, fünf Schlösser, die Tür können Sie vergessen, wenn ich die öffnen muss, ganz zu schweigen von den Nachbarn, wenn sie mitten in der Nacht diesen Lärm hören!” Als er mein verzweifeltes Gesicht sah, meinte er begütigend, “Na, ja, ist doch nicht so schlimm! Wo haben Sie den Schlüssel überhaupt verloren?” Ich erzählte ihm vom Klirren, vom Gulli und dem rauschenden Abfluss, den ich unter dem Gulli hörte und in dem ich meinen Schlüssel bereits irgendwo auf dem Weg zur Kläranlage wähnte. So, und nun beginnt der Teil der Geschichte, bei der der Mann an meiner Seite (der damals noch nicht der Mann an meiner Seite war) stets meint, das sei ja reines Seemannsgarn. Der freundliche ältere Mann nämlich machte ein ganz entschlossenes Gesicht, packte mein Fahrrad in seinen Lieferwagen und sagte “Wollen wir doch mal sehen, ob wir den Schlüssel im Gulli nicht wiederfinden!” Da mir der Weg in die Wohnung versperrt war und ich eh nichts anderes mehr vorhatte, stieg ich mit ihm ins Auto und lotste ihn quer durch die Stadt zum Gulli, wo der Gute mit einer Riesen-Taschenlampe ausstieg und die Unfallstelle gründlich ausleuchtete. Kurze Zeit später rief er “Daaa, da glitzert was!”, hüpfte in Windeseile zum Lieferwagen, kramte eine Weile, bis er einen Riesen-Magneten fand, den er durch die Gulli-Löcher herunterließ, hinaufzog, und da war er – mein Schlüssel! Mit Schlüssel, Schlüsseldienst und Fahrrad ging es ab durch den jungen Morgen nach Hause (unterwegs erzählte mir der stolze Herr noch, dass man mit Beharrlichkeit zum Ziel komme und er schon hochkarätige Persönlichkeiten und Honoratioren der Stadt mitten in der Nacht von Handschellen befreien musste, in die sie sich im wilden Sex-Spiel verwickelt hatten) – und da war ich schließlich wieder zu Hause. Etwas ängstlich fragte ich den Guten, wieviel Schrillionen Mark er für seine Dienste nun haben wolle, und da sprach er: “Einen heißen Kaffee – und geben Sie mir mal 20 Mark!” Gegen sechs Uhr morgens landete ich schließlich in meinem eigenen Bett in meiner eigenen, nicht-demolierten Wohnung. Warum ich diesen Sermon schreibe? Heute klemmte unser Haustürschloss, wir dachten darüber nach, den Schlüsseldienst zu rufen und ich ärgerte mich, dass ich damals nie, nie die Adresse meines Retters aufgeschrieben habe … (manchmal möchte ich ihm noch nachträglich einen Kuchen backen …)
Im Dunkeln
Heute war ich mit den großen Kindern abends im Dunkeln unterwegs, am Himmel leuchteten Mond und Sterne, es roch nach Herbst, dem kommenden Martinsfest, Holzöfen und trockenem Laub. Nachdem sich das Tochterkind vergewissert hatte, dass es bei uns wirklich keine Wölfe gibt und der Sohn noch einmal wissen wollte, wie das mit dem Voll-, Halb- und Neumond ist, fanden wir drei die Wanderung unterm Sternenhimmel sehr schön. Und ich erinnerte mich, dass ich es als Kind geliebt habe, mit meinem Vater im Dunkeln spazieren zu gehen. Im Dunkeln deshalb, weil er da von der Arbeit kam und mit mir sehr häufig noch eine Runde durch Wald und Wiesen gedreht hat, bei Regen, Sturm und Schnee. Meine kleine Hand in seiner großen warmen habe ich ihm von meinem Tag erzählt, mein Vater hat mir die Sternbilder, Reh-, Fuchs- und Hasenspuren gezeigt, vom Winterfell der Tiere und von Fernsehtürmen erzählt, die in der Ferne leuchteten und mich aus Schneeverwehungen gezogen, die so groß waren wie ich und in die ich in kindlichem Übermut hineingesprungen war. Er hatte immer ein großes Stofftaschentuch gegen meine triefende Nase dabei und immer warme Finger. Ich hoffe, dass meine Kinder irgendwann ähnlich schöne Erinnerungen an solch kleine Alltagsrituale haben. Vielleicht sollte ich öfter mit ihnen im Dunkeln spazieren gehen.

