Archive for the ‘Großwerden’ Category

Pffff ….

Was sagt man, wenn der Sechsjährige fragt, ob Männer eigentlich böser sind als Frauen, weil er seit einiger Zeit morgens mit dem Papa die Nachrichten im Radio lauscht und die vermeldeten Straftaten zu 80% von Männern begangen werden? Hmm nein, ja, nein, also so pauschal sagen kann man das nicht, und auch Frauen können böse sein, stehlen, morden, schlagen und beleidigen. “Aber die großen Sachen, das machen doch nie Frauen!”, insistierte der Sohn. “Warum nicht?” Hm ja, warum nicht? Weil sie weniger schnell wütend werden? Weil Männer stärker sind? Weil sie historisch betrachtet irgendwann mal am längeren Hebel saßen und diesen Anspruch nun mit Gewalt zurückerobern wollen? “Ist das vielleicht einfach so von Geburt an bei Männern?”, fragte der Sohn schließlich, etwas verstört und beunruhigt über sein eigenes Gedenke. Hmm, vielleicht ist es einfach so, dass Jungs und Männer sich schneller von Gewalt faszinieren lassen als Mädchen? Bei uns wird nicht gehauen, getreten oder mit imaginären Waffen geschossen, und außer Sandmann, Fritz Fuchs, Lauras Stern und Heidi gibts seitens der Massenmedien nix Verderbliches für die Kinderseele - trotzdem hat der Sohn manchmal Macho-Allüren, die Töchter nicht.  “Ob ich auch so werde?”, grübelte der Sohn abschließend noch laut. Ich habe ihn in den Arm genommen und gesagt, hoffentlich und ganz sicherlich nicht, denn Jungs, die Triple Chocolate Cookies backen und anschließend die Spülmaschine ausräumen, die Vögel, Schnecken und Marienkäfer füttern und sich dafür einsetzen, dass Mädchen überall auf der Welt genau so viel essen können wie Jungs, die dürfen einfach nicht gewalttätig werden, wenn sie groß sind. Ob meine Rechnung aufgeht, weiß ich nicht – und manchmal befällt mich in kalten unruhigen Nächten die Sorge um die Zukunft meiner Kinder. Drogen, Gewalt, Arbeitslosigkeit, Umweltkatastrophen … in solchen Nächten frage ich mich, ob ich mit den Kindern genügend ausdrücklich meine Werte lebe, ob sie der Welt gewachsen sein werden, wenn sie groß sind, weich genug, empathisch zu sein, hart genug, ihren eigenen Weg zu finden, fröhlich, ohne haltlos zu sein, ernst, ohne in Depression zu versinken. Ach, Elternsein ist manchmal aber auch eine Kopfgeburt …

Posted on Januar 5th, 2010 by Ordinarylife  |  1 Comment »

Das Vögelchen

Gestern Mittag begegnete uns auf dem Weg von der Kita nach Hause ein kleines, mattes Vögelchen mit gebrochenen Flügeln. Leider lag es direkt vor einem Bagger, der auf dem Weg zur Kita war, um dort das Loch fürs Fundament des neuen Schlafraums zu graben. Jonathan brüllte zwar “Stopp, Mama, kannst du das Vögelchen retten?”, aber den Baggerführer beeindruckte das leider wenig, und so blieb uns nichts anderes übrig als nach Hause zu gehen. Mit einem tieftraurigen, bitterlich weinenden großen kleinen Jungen, der eine Stunde nichts anderes tat als weinen. Ich habe mich unzureichend geführt, weil ich den Bagger nicht zum Stoppen gebracht, mich nicht todesmutig zum Retten des Vögelchens vor die Schaufel geworfen habe, stattdessen mit dem Großen auf dem Sofa saß, über den Tod redend, darüber, dass bei kleinen Vögelchen kein Tierarzt kommt, wenn ihr Flügel bricht, dass Baggerführern Vögel manchmal nicht so wichtig, Erwachsene manchmal genau so hilflos wie Kinder sind, ob es einen Himmel gibt, in dem Tiere ohne Schmerzen leben können … zwischendurch hätte ich auch gern geweint, wegen der Schmerzen des Kindes, weil Großwerden so schmerzhaft ist, weil Eltern nicht allmächtig sind, manche Tode unnötig und weil die Feinfühligkeit des Kindes mich so sehr berührt hat. Hoffentlich bewahrt er sie tief in sich gut auf und wird kein Baggerfahrer, der halbtote Vögel überfährt …

Posted on Juli 10th, 2009 by Ordinarylife  |  No Comments »