La Cucaracha

Vorweg: Ich bin keine Memme. Ich kann Spinnen und Regenwürmer mit der nackten Hand anfassen und zurück in den Garten tragen. Aber ich verfalle in haltlose Hysterie, sobald ich eine Kakerlake sehe. Und die Schuld daran trägt ein einziger Sommerurlaub, irgendwann Ende der 90er Jahre. Die Freundin, mit der ich verreiste, hatte einen Bruder, dessen Freundin jemanden kannte, der eine Ferienwohnung in einem kleinen Ort auf Teneriffa besaß – und zu einem Spottpreis vermietete. Wir sagten zu, unser studentisches Reisebudget war begrenzt, und zwei Wochen Sommerurlaub kamen uns gelegen. Wir wussten nicht, was uns erwartete. Die Freundin sprach im Flugzeug: “Es KANN sein, dass uns die ein oder andere Kakerlake begegnet. Das ist dort so. “Pah”, dachte ich, “meine Oma hat auch die ein oder andere Kellerassel, das wird mich nicht stören!” Als wir die Wohnungstür aufschlossen, erwartete uns ein Begrüßungskommando aus 3 riesigen schwarzen Viechern. Die Freundin stürzte sich auf sie und zertrampelte sie, so gut sie konnte (merkwürdigerweise hatten sie etwas sehr Unkaputtbares an sich und winkten trotz massiver Zerstörungsversuche weiterhin mit den Fühlern) und naiv wie wir waren, dachten wir, damit sei es aber gut mit dem Ungeziefer. War es leider nicht. Im Küchenschrank. An der Zuckerdose. Im Wohnzimmerschrank. Bei den Briefmarken. Überall waren sie. Und nein, die Wohnung war nicht sonderlich verdreckt, aber die Kakerlaken fühlten sich dort als einzig wahre Herrscher. Und wenn es wenigstens noch kleine gewesen wären, gewissermaßen standardeuropäische Durchschnitts-Kneipenthekenkakerlaken. Aber nein, es waren riesige Monster, so wie diese hier. Ganz gegen meine sonstige Gewohnheit putzte ich die komplette Wohnung. Als ich mir abends die Zähne putzen wollte, öffnete ich die Kulturtasche, und auf meiner Zahnbürste saß: eine Kakerlake. Ich schlief nicht besonders gut in dieser Nacht, und immer, wenn es irgendwo juckte, befürchtete ich eine Kakerlake und schlug um mich. In Gedanken und tief unter meiner Bettdecke (sehr schön, so ein Urlaub im Süden, wenn man sich bis zur Nasenspitze einmummelt) deklinierte ich all die Krankheiten durch, die die Viecher übertragen konnten, überlegte, wie viel Geld sich noch auf meinem Konto befand, verwarf den Gedanken, mir ein Hotelzimmer zu suchen – und bei Morgengrauen suchte ich den örtlichen Supermarkt auf und erwarb entgegen sonstiger ökologischer Prinzipien eine riesige Flasche Insektenspray. Fortan war meine Lieblingsbeschäftigung am Abend das Einsprühen aller Zimmerecken und Mauernischen und am folgenden Morgen das Zusammenkehren der in Einzelteile zerfallenen Insektenkadaver. Nach fünf Tagen und Beseitigung von gefühlt zweihundert Kakerlaken war Ruhe. Ich traute mich, ohne Decke zu schlafen, gegessen wurde nur noch im Freien – und bei der Abreise und vor dem Auspacken schüttelten wir unsere Kleidung gründlichst aus, nicht auszudenken, ich hätte diese Viecher in meine Wohnung importiert. In der Folgezeit zu Hause habe ich manchmal meinen Linoleumfußboden in der Küche verflucht: im Steinmuster gab es schwarzbraune Punkte, die ohne Kontaktlinsen einer Kakerlake so fürchterlich ähnlich sahen, dass ich mit einem Panikschrei draufgetreten bin. Ja, und wenn mir heute Insekten begegnen, die auch nur im Entferntesten ausschauen wie la cucaracha, dann werde ich hysterisch. Letztens saß ein Käfer im Brokkoli. Der Mann konnte mich nur mühsam davon abhalten, einen Kammerjäger zu holen. Ich schätze, wenn ich in Rente bin, muss ich mal eine Verhaltenstherapie machen. Oder so.

Posted on September 30th, 2011 by admin  |  No Comments »

Ich und die Wurst

Wenn man Filme wie “We Feed the World” oder “Food Inc.” schaut, versteht man sie manchmal nicht mehr, die Menschen, die sich bergeweise Hackfleisch, Rollbraten und Fleischwurst in den Einkaufswagen legen. Ehrlich gesagt habe ich sie schon vorher nicht recht verstanden. Ich bin nicht fleischlos aufgewachsen, im Gegenteil. Mein Vater hatte drei Rinder und zehn Schafe, und im Winter wurde schon mal ein halbes Rind gegen ein Schwein getauscht. Gewurstet wurde selbst, und bis auf die Blutwurst habe ich Fleisch und Wurst ganz gern gegessen. Braten gab es allerdings auch nur sonntags, und abends oft auch mal Kräuterquark oder Gemüsesuppe statt Wurstbrot. So haben wir es auch in der Familie eine ganze Zeit lang gehalten. Fleisch nur am Wochenende, mitgeliefert in unserer Biokiste – vom eigenen Hof. Und eine Wurst oder ein Stück Schinken fürs Frühstück oder Abendessen. Ansonsten Käse, Gemüse-Brotaufstriche (da bietet die orientalische Küche unglaublich leckere Sachen an), Quark oder einfach mal ein Butterbrot. Das Paradoxe am Fleisch scheint aber zu sein: je weniger man davon isst, desto weniger braucht man. Manchmal beim Kochen frage ich mich, wann wir eigentlich das letzte Mal Fleisch gegessen haben. War es eine Woche her, waren es zwei Wochen? Hinzu kommt, dass der Körper so sonderbare Dinge entwickelt: Hackfleisch anbraten für die Bolognese beispielsweise, das war am Wochenende schon fast Folter, obwohl es gutes Fleisch ist, und heute musste ich den Supermarkt (mit Essenstheke) fluchtartig verlassen, weil der Geruch eines merkwürdigen Fleischgerichts (ich tippe mal auf Grützwurst) den ganzen Laden durchwaberte. Kann man sich das Fleischessen am Ende ganz abgewöhnen, ohne den wirklichen Vorsatz zu haben? Sehr merkwürdig das. Und ob sich das wieder gibt? Meine Eisenwerte sind besser als zu Zeiten, in denen ich mehr Fleisch vertilgt habe. Und die Kinder? Freuen sich nach wie vor über ein Wienerle in ihrer Suppe oder eine Minifrikadelle zum Kalten Buffet. Da Schule und Kindergarten aber fleischarm bzw. vegetarisch kochen, vermisst niemand so recht die tägliche Dosis Frischfleisch.

Stattdessen schwelge ich grad hier – sehr lecker, und mit Abstand die teuerste App, die ich bislang gekauft habe, aber im Vergleich zum Kochbuch enorm günstig.

Posted on September 29th, 2011 by admin  |  No Comments »

So viel Sonne

Von früh bis spät unterwegs. Farben sammeln, und Licht, und Wärme. So schön das Ganze, dass man glatt vergessen könnte, dass der Winter nur noch zwei Monate entfernt ist.

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Posted on September 25th, 2011 by admin  |  No Comments »

Das Rote-Bete-Mirakel

Gestern Abend gab es Rote Bete. Auf dem Backblech, gemischt mit Kartoffelspalten und Joghurtdip. Rote Bete gehört nicht zu den Leibspeisen meiner Kinder, aber ab und an mogelt uns der Bauer ein oder zwei Knollen in der Gemüsekiste unter, und die müssen wir dann essen. Während der Große merkwürdige Würgegeräusche von sich gab, während er sich an den Tisch setzte, rief die kleine Schwester beflissen: “Also, ICH mag Rote Bete ja gerne, und die ist auch noch GESUND!” Im Grunde ihres Herzens hasst sie Rote Bete, genau wie der Bruder, aber ab und an ist sie von einem merkwürdigen Profilierungsdrang befallen, in dessen Zuge sie zum Familienstreber mutiert. Demonstrativ schob sie sich eine Rote Bete nach der anderen in den Mund, während ich mir das Lachen verkneifen musste. Der Bruder starrte sie wortlos an, um nach ca. drei Minuten einzulenken (kann ja nicht angehen, dass die kleine Schwester einen vermeintlichen Bonuspunkt nach dem anderen sammelt): “Na gut, ich mag Rote Bete auch!” Sprachs, und schaufelte sich den Teller voll. So führte die innerfamiliale Dynamik dazu, dass alles Gemüse verzehrt wurde, ohne dass ich ein einziges Wort dazu gesagt habe.

Posted on September 22nd, 2011 by admin  |  No Comments »

Seiltänzer

Du saßest in der U-Bahn, mir gegenüber, und schautest in den Theaterplan der neuen Saison. Ich vermute aber, du konntest nichts lesen, weil du den Prospekt verkehrt herum in der Hand hieltest. Weil ich auch etwas entziffern wollte, verdrehte ich meinen Kopf. So lernten wir uns kennen, und die Zeit, die folgte, war mein persönlicher Ausnahmezustand. Von Konventionen hieltest du gar nichts, von guter Musik hingegen eine Menge. Und so tingelten wir durch die Opernhäuser der Region, du stets zu spät am Bahnsteig, um noch eine Fahrkarte zu kaufen, oft auch zu spät zur Veranstaltung, und mehr als einmal schenkten uns wohlmeinende Menschen, die Besseres zu tun hatten, ihre Karten – manchmal waren es richtig teure Plätze. Nach der Vorstellung liefen wir durch Städte, Parks, stillgelegte Fabrikanlagen und leere Bäder, kletterten über Zäune und Absperrungen, tranken Rotwein und redeten, über Gott und die Welt, dich und mich, das Leben. Es gab kein Morgen. Nur ein Hier und Jetzt. Und das war erfüllt. Du kanntest keine Scheu und sprachst mit jedem: Dem Obdachlosen, der in dir die Reinkarnation von Einstein erkannte, dem Polizisten auf der Wache, den du nach dem Weg fragtest, mit dem Ergebnis, dass wir mit dem Polizeiauto gratis durch Essen kutschiert wurden, dem Bahnpersonal, wenn du wieder einmal quer über die Schienen gelaufen warst, um noch den Zug zu erreichen. Manchmal fuhren wir einfach nur Straßenbahn, stiegen an exotisch klingenden Orten aus und liefen zu Fuß weiter. Tägliche Pflichten und schnödes Alltagsleben, das war so gar nicht deins. Sätze wie “Du, ich habe heute Abend aber keine Zeit, ich muss dringend für die Mittelhochdeutschklausur lernen” quittiertest du mit einem gequälten Lächeln. Du warst ein Wortvirtuose, und niemand konnte literarische Stilblüten mit so viel Spott und Funkeln vortragen wie Du. Obwohl du ein unerschöpflicher Quell an Wissen warst, zog es dich  nicht hin zu bürgerlichen Betätigungen – lieber bist du durch die Weltgeschichte gereist und hast dein Geld als Reiseleiter verdient. Es war außergewöhnlich warm in jenem Herbst, und die Kirschen und Tulpenbäume standen in Knospe. Ich war verliebt. Ob es Liebe war, weiß ich nicht. Atemlos und schwindlig. Du gingst und kamst zurück, aber ich war an den Wechsel von Ebbe und Flut nicht gewöhnt und litt. Auf dem Seil war kein Platz für uns zwei. Vor neun Jahren bist du gestorben. Auf einen Baukran geklettert und hinuntergefallen. Ich hatte dich mehrere Jahre lang nicht gesehen. Vorausgegangen war ein verzweifelter Versuch nach Anpassung: eine “ordentliche” Beziehung zu einer anderen Frau, eine gut dotierte Stelle in einem erzkonservativen Institut. Du habest am bürgerlichen Leben gelitten wie ein Hund, sagte man mir, während ich versuchte zu verstehen. Und man wisse nicht, ob der Absturz nicht am Ende gewollt gewesen sei. Mir fehlte damals die Vorstellungskraft, dich altern zu sehen. Und jetzt hätte ich eine Menge Fragen an dich.

Posted on September 20th, 2011 by admin  |  No Comments »

Eigentlich

Als ich gestern mehrere Anläufe unternahm, um die Getränkekisten aus dem Keller ins Auto zu tragen, dabei von den Kindern permanent unterbrochen wurde (bin gefallen, bin auf den Baum geklettert und komme nicht mehr runter, mein Glas ist umgekippt) und ich sagte: “Eigentlich wollte ich nur die Kisten hochtragen …”, fiel mir auf, dass mein Leben aus so vielen “eigentlichs” besteht. Eigentlich wollte ich nach dem Examen in Gender Studies promovieren und danach den Frauenanteil in der Wissenschaft erhöhen – nur kam da dieses blöde Internet-Startup dazwischen und lockte mit besserem Gehalt, einem tollen Büro und war überhaupt viel, viel cooler als dieses zähe Uni-Prozedere. Eigentlich wollte ich mich nach zwei Jahren in dieser Firma zurück ins Ruhrgebiet bewerben, aber da kam der Mann in meinen Dunstkreis und ich blieb in der Provinz. Eigentlich hatte ich einen ziemlich guten Job, aber da kamen die Kinder dazwischen und ich war plötzlich  nur noch Teilzeit-Tante. Eigentlich hatte ich noch ganz viele Ideen, doch dann wurde das Unternehmen geschlossen. Und eigentlich würde ich doch am liebsten eine Kochschule aufmachen und lande am Ende doch am Lehrerpult. Und so fort: Eigentlich wollte ich doch richtig viel schaffen, doch da war die eitrige Bindehautentzündung des Kindes, die selbiges verhinderte. Eigentlich wollten wir ins Sauerland fahren, doch nach dem Fiebermessen war auch das ad actas gelegt. Und eigentlich wären wir schon längst unterwegs zum Wochenendeinkauf, aber wir fünf haben uns im Bett vertrödelt. Was ich eigentlich nur sagen wollte: Es gibt nicht nur den einen Weg, sondern viele. Und nach leidvollen Stunden, Tagen, ja Jahren des Hinterherhängens hinter ursprünglichen Plänen kann ich sagen, es ist nicht schlimm, wenn mich das Leben ab und an aus der Zielgeraden kickt. Eigentlich ist es so ähnlich wie beim Umfahren eines Staus: man fährt ab von der Autobahn und entdeckt dabei unter Umständen Orte, deren Schönheit einem sonst nie ins Auge gefallen wäre. Und eigentlich geht es mir mit dem ganzen Zickzack in meinem Leben ziemlich gut. Wenn mich die Kinder eines gelehrt haben, ist es das Geschehenlassen und Annehmen der Dinge, die sowieso nicht zu ändern sind. Und statt resigniert den Besen fallen zu lassen, weil ich es wieder nicht schaffe, die Küche zu fegen, bevor sie das nächste Mal mit versandeten Gummistiefeln hineinspazieren, sollte ich mich lieber freuen, dass sie mir einen großen Strauß Gänseblümchen mitgebracht haben. Eigentlich …

Posted on September 17th, 2011 by admin  |  No Comments »

Verwirrt oder: Auf Sinnsuche bei Tempo 130.

Letztens fuhr ich mit den drei Kindern auf der Autobahn. Mittelspur, irgendwo zwischen 130 und 140 km/h. Beim Fahren fiel mir diese neue Plakataktion ins Auge. Ich gebe zu, ich habe den Zusammenhang beim Fahren nicht begriffen. Sah die Strichmännchen und die Bildunterschrift “Risiko raus!” und entwickelte eine ganz eigene Logik: Wenn ich allein Auto fahre, gibt es Tage, an denen wünsche ich mir eine Glastrennwand zwischen Vorder- und Rücksitzen, weil hinten fortwährend gequatscht, gefragt, gesungen oder auch gezankt wird. Normalerweise stört mich das nicht, aber im Auto befindet man sich in so einer klaustrophoben Zwangsgemeinschaft, die schon mal zu Konzentrationsstörungen führen kann. “Risiko raus”, kombinierte ich also, kann sich nur auf die Kinder beziehen, darum auch die Kinderzeichnungen. Und war höchstgradig verwirrt: wie sollte das funktionieren? Durften die Kinder am Ende nicht mehr mit den Eltern auf die Autobahn, sollte ich sie an der nächsten Raststätte aussetzen? Wenn ich mir jetzt die Website mit der Kampagne anschaue, erscheint mir die Botschaft klar. Bei 130 nicht. Und manchmal frage ich mich, ob diese Plakate nicht auch ein gewisses Risiko darstellen – für diejenigen, die versuchen, sie zu lesen und zu interpretieren, während sie das Auto lenken, den Infinitiv mit zu erklären und parallel dazu ein Männlein steht im Walde singen müssen.

Posted on September 12th, 2011 by admin  |  No Comments »

Allmählich glaube ich …

an Reinkarnation. wieder an den Osterhasen. Dieser Hase bewohnt seit zwei Wochen unseren Garten. Wir machten ein Foto und schickten es unserer Tierärztin, die sich mit der Aussage “Verscheuchen Sie ihn lieber mal, kann sein, er steckt Eure Kaninchen sonst mit komischen Dingen an!” bei den Kindern in tiefe Ungnade setzte. Nun verscheuchen wir den Hasen regelmäßig, aber ebenso regelmäßig kommt er wieder. Ich weiß nicht, was er von uns möchte. Klee gibt es auf der Wiese hinter dem Garten noch mehr als bei uns. Futter ist nur im Kaninchenstall verfügbar. Der Hase aber – er sitzt regungslos wie eine Buddha-Statue mitten im Grün und meditiert. Und schaut uns an. Mit großen, braunen, vielsagenden Augen. Ich frage mich, was er von uns will. Wer er vorher war, was er uns mitteilen möchte, warum er nicht mehr von unserer Seite weicht. In seiner Penetranz gleicht er einem abgewiesenen Staubsauger- oder Mobilfunkvertreter.

Posted on September 8th, 2011 by admin  |  No Comments »

So viel Leben

Heute geht der Alltag wieder los. Die Kinder sind in Kindergarten und Schule, ich sitze am Schreibtisch. Kann zwei Projekte bald abschließen und – ganz wichtig – Rechnungen schreiben. Die letzten Wochen waren wunderschön, bullerbü-like. Da wir die Urlaubsplanung im Vorfeld etwas schlampig angegangen sind und uns darüber hinaus nicht so recht auf ein Urlaubsziel einigen konnten (Toscana? Nein, viel zu weit. Bodensee? Oh, alle Quartiere ausgebucht. Nordsee? In diesem Sommer?), sind wir kurzerhand zu Hause geblieben – ausgestattet mit einem Selfmade-Ferienplaner für die Kinder, in dem alle möglichen Reiseziele in der näheren und weiteren Umgebung plus Ideen für Zuhause-Tage aufgeführt waren. So haben wir in den letzten Tagen und Wochen zahlreiche heimische Schlösser und Museen besichtigt, waren im Dortmunder Zoo und im Kölner Schokoladenmuseum, sind mit Rucksack Wandern gegangen, haben wilde Menüs gezaubert (Kartoffelchips aus dem Backofen mit Pflaumeneis zum Nachtisch sag ich da nur ;-) ) und sind, obwohl wir das nicht erwartet hatten, so richtig erholt. Je weiter – zeitlich betrachtet – Arbeit, Schule und Kindergarten sich entfernten, desto friedlicher wurde das Leben, und mehr als einmal habe ich gestaunt, weil die Großen einfach so die Spülmaschine ausräumten, den Müll wegbrachten und ihre Spielsachen wegräumten – Dinge, die im Alltagsgeschäft für sie unendlich mühsam erschienen. Ich habe mich wieder eingelassen auf die Langsamkeit des Regenwurmbeobachtens, Bordsteinkantenbalancierens und Endlosvorlesens, und ich bin traurig, dass das Ganze nun vorbei ist. Draußen weht ein kalter Herbstwind, und ich bin gespannt, was die letzten Monate des Jahres an Neuem bringen. Ich wäre nicht ich, wenn meine Welt stehen bliebe.

Posted on September 7th, 2011 by admin  |  No Comments »

Zivilgesellschaft?

Heute Nacht wurde ich durch ein dumpfes Brummen geweckt, war aber zu müde, um nachzuschauen, woher es stammte. Beim Anziehen warf ich einen Blick aus dem Fenster und mein Herz rutschte in die Hosentasche. Zwei dicke Militärmaschinen brummten tief über unserem Garten. Laut. Und sehr, sehr tief. Bis zum Mittag folgten weitere acht – oder es sind die gleichen, die sich die doch relativ dicht besiedelte Gegend ausgesucht haben, um hier Tiefflug, Landung oder Bombardierung von Dörfern zu üben. Die Kinder haben Angst. Beim Bürgerbüro weiß niemand etwas, ich sei aber nicht die erste, die voller Sorge anrufe, und sie stünden auch ständig am Fenster und schauten die Maschinen an. “Ich nehme an, es ist eine Militärübung, aber die sagen uns ja sowieso niemals Bescheid, wenn sie so was machen!” Ja. warum auch? Warum sollte man der Zivilgesellschaft mitteilen, wenn man mit ihren Dörfern und Kleinstädten Kampfübungen macht? Führt ja eh nur zu Unruhe. Dann lieber die Leute mit Kampfjets im Tiefflug malträtieren. Ich könnte jetzt vermutlich recherchieren und würde dabei lernen, dass das Militär so was darf, auch im Frieden – wenn es der “Sicherung des Friedens” in anderen Ländern dient. Vielleicht wird über unseren Gärten auch Afghanistan geübt. Wozu zählt eigentlich im Rahmen der Gewaltenteilung das Militär? Zur Exekutive? Unser Frieden erscheint fragil, wenn der Krieg nur ein paar Flugzeugstunden entfernt tobt.

Posted on September 5th, 2011 by admin  |  No Comments »