Im Wartezimmer

Beim HNO. Mangels sonstiger Betreuungsmöglichkeiten mit allen drei Kindern unterwegs. Die Bude ist voll mit älteren Menschen. Genervten älteren Menschen. Die Ärztin hatte einen familiären Notfall und kommt zu spät. Jegliches Geräusch unserer Kinder, die sich wirklich bemühten, leise zu spielen, wird mit Stirnrunzeln und bösen Blicken quittiert. Eine ältere Frau versperrt mit ausgestreckten Beinen und Krücken den Weg zwischen Spieltisch und meinem Stuhl, wo ich mit der Kleinsten sitze und Bilderbücher anschaue. Der Sohn will zu mir. “Pass auf, meine Beine tun weh, renn hier nicht so rum!”, in einem Ton, der mich zusammenzucken ließ (der Sohn war langsam, hatte bislang an kein Bein gestoßen, war aber den Tränen nah). Er stieg vorsichtig über Beine und Krücken und raunte mir zu: “Mama, die Frau hat sich verlaufen. Die Ärztin untersucht doch Hase-Nase-Ohren (unsere Auslegung von HNO) und nicht Beine.” Ach Kind. Wie schön aber, dass die HNO ebenfalls drei Kinder hat und fröhlich zur Begrüßung rief: “Oh, Sie auch, drei Kinder!” (und im Behandlungsraum murmelte, die sollten alle mal den Mund halten, Dreijährige würden nun mal andere Geräusche von sich geben als Siebzigjährige). Zum Schluss gabs Gummibärchen für alle – das Glas war fast leer, und die Ärztin erklärte augenzwinkernd, sie habe den Großteil in den letzten Tagen aus tiefer Verzweiflung allein gegessen. Manchmal lohnt warten eben doch. Auch für die Diagnose, dass die Paukenergüsse verschwunden sind und wir damit sozusagen in letzter Minute vom OP-Tisch gehopst sind.

Posted on August 31st, 2011 by admin  |  No Comments »

Goldapfels Variationen

“Du Papa”, sprach ich unlängst unvorsichtigerweise, weil mir in der Konfitürensammlung noch das Apfelgelee fehlte, “kannst du mir nicht mal ein paar von deinen Äpfeln zukommen lassen?” Mein Vater, stolzer Eigentümer mehrerer Apfelbäume (andere Eltern besitzen Goldbarren, Eigentumswohnungen und Aktien, meiner Apfelbäume), ließ sich nicht lumpen und brachte letzten Freitag einen Riesensack mit 30 Kilo Äpfeln vorbei. Seitdem schwelge ich experimentell in Äpfeln. Apfelkuchen, Apfelmus, Apfelsaft (eher nicht so, war etwas zu sauer), und eben besagtes Apfelgelee, von dem ich eigentlich nur eine Handvoll Gläser kochen wollte. Und weil ich nicht 50 Gläser schnödes Apfelgelee ohne alles wollte, habe ich den Gewürzschrank und das Kräuterbeet durchstöbert. Herausgekommen sind bislang:

- Apfelgelee mit kandierten Walnüssen

- Apfel-Zimt-Gelee

- Apfel-Ingwer-Gelee

- Apfel-Mirabellen-Vanille-Gelee

- Apfelgelee mit frischer Apfelminze

- Apfel-Aprikosen-Gelee mit Hot Apple Cider (mein persönlicher Favorit)

Und das Tolle: Man kann allen lieben Menschen einfach ein Glas schenken und hat trotzdem noch genug für den Winter ;-) . Es ist so leicht, über Äpfel zu schreiben.

Posted on August 31st, 2011 by admin  |  No Comments »

Kleine Fluchten

Heute Nachmittag die Gelegenheit beim Schopfe gepackt, die Kinder dem seltenen Verwandten-Besuch anvertraut, den Mann und die Tasche gepackt und zu zweit ab in die kuschelig-warme Saunalandschaft. Zwei Stunden Auftanken, danach ein Döner beim stadtbesten Türken, auf den Steintreppen sitzen und unbeschwert lachen. Zurückkehren, an den Kindern schnuppern und feststellen, dass der Akku doch schneller auflädt als gedacht. Und die nächsten zwei Wochen: frei!

Posted on August 12th, 2011 by admin  |  No Comments »

Einkaufsfreuden

Einmal im Monat baut ein Obsthändler aus dem Alten Land seinen Stand hier im Dorf auf. Die Äpfel, Birnen und Zwetschgen, die er verkauft, sind unbehandelt, lecker und preiswert und dabei nicht allzu weit gereist. Heute stand inmitten einer Schar Wespen, freundlich und unbeirrt, eine Verkäuferin, ließ geduldig probieren, beriet – und auf die Frage, welche Äpfel sich denn am besten für Gelee eigneten (ich weiß, natürlich Fallobst, aber in unserem kleinen Garten gibt es nur einen Apfelbaum, und die Äpfel darauf lassen sich an drei Händen abzählen, insofern …), holte sie einen großen Beutel, packte mir aus allen Kisten zahlreiche Äpfel mit kleineren Beulen hinein, sprach dazu “Das gibt ein gutes Gelee! Macht dann einen Euro!” und entließ mich mit einem Riesenbeutel Äpfel, den ich - wie der Müller seinen Sack zur Mühle – nach Hause schleppen konnte. Das ist wohl das Gegenteil von Globalisierungsblödsinn ;-) – und wenn man bedenkt, welche Massen an Lebensmitteln täglich weggeworfen werden, verstehe ich nicht, warum man nicht öfter mit einer fast geschenkten großen Tüte Äpfel, Tomaten oder Brötchen nach Hause gehen darf.

Ich frage mich gerade, warum ich in diesem Sommer so viele Vorräte für den Winter einkoche. Weil es schön ist? Weil es Sicherheit bietet? Weil meine Hände am Nachmittag beschäftigt sein wollen? Weil lecker? Weil, wenn schon kein Sommer, dann wenigstens Marmelade? Ich geh dann mal neue Gläser kaufen …

Posted on August 11th, 2011 by admin  |  No Comments »

Globalisierungsblödsinn

Draußen sind 14,5 Grad. Mir ist kalt, abends kommt Besuch und das Gemüse aus unserer Biokiste ist aufgefuttert. Bevor ich mich an den Schreibtisch setze, will ich die Einkäufe erledigen. Weil mir nach Suppe ist und ich mal wieder Salbei, Rosmarin und Co aus dem Garten verbrauchen möchte, schaue ich zunächst im örtlichen Supermarkt nach Kürbis. Hokkaido aus Argentinien für 2,99 das Kilo. Warum aus Argentinien? Ich habe die ersten Kürbisse auf den Feldern ringsum gesehen. Im Bioladen nebenan gibt es Kürbis aus Deutschland für 3,09 das Kilo. Fein, den kaufe ich. Während ich nach Hause gehe, frage ich mich, wie das jemals etwas werden soll mit der Reduzierung der CO2-Emission, wenn Kürbisse zur Saison um die halbe Welt geflogen und dann noch günstiger verkauft werden als einheimische.

Posted on August 10th, 2011 by admin  |  No Comments »

Ferienfrust

de luxe hier. Die Betreuung des Großen pausiert die ersten drei Wochen der Ferien, die Betreuung der beiden kleinen die letzten drei Wochen. Zwei Wochen kann auch ich mir Ferien erlauben, und die möchten wir gemeinsam als Familie verbringen. Nun habe ich seit fast zwei Wochen den Großen zu Hause, weil es für ihn keine Möglichkeit zur Betreuung gibt. Halt, doch, von 10-12 Uhr könnte er an ganzen drei Tagen gemeinsam mit den Eltern töpfern oder reiten gehen – solch witzig-anachronistische Kurse bietet die Stadt an. Danke auch. Ich muss arbeiten, hier liegen stapelweise Korrekturfahnen, und ich kann nicht das Kind aufs Pferd setzen und wieder herunterheben. Die eine Oma ist leider Dialysepatientin, die andere zieht es vor, allein an der Ostsee Urlaub zu machen und rauscht nur mal für den Kindergeburtstag an. Der eine wie der andere Opa haben leider eine neue Familie (ja, so schön und bindungsfrei kann Patchwork sein) und sind mit anderen Dingen beschäftigt. Nein, ich möchte mein Kind nicht loswerden. Ich möchte nur nicht, dass es einsam im Garten auf seiner Schaukel sitzt, ich hier mit schlechtem Gewissen am Schreibtisch brüte und mich frage, wo denn um Himmels willen das Dorf sein soll, das es braucht, um ein Kind großzuziehen, wenn es nicht einmal die Familie schafft.

Posted on August 10th, 2011 by admin  |  No Comments »

Irritierend

Am Samstag las ich diesen Artikel, der ein ganz merkwürdiges Unbehagen, ja Befremdung in mir hinterließ. Ich musste eine Runde Laufen, bevor mir klar wurde, woher dieses Unbehagen stammt, und auch das Unbehagen über das geänderte Scheidungsrecht. Nein, ich fand das Scheidungsrecht vor 2008 auch nicht fair, und einmal einen Zahnarzt oder erfolgreichen Anwalt geheiratet zu haben, sollte kein lebenslängliches Versorgungsrecht nach sich ziehen, und ich denke auch nicht, dass man qua Frau und Mutter Versorgungsansprüche erwirtschaftet. Es war auch nicht die Frage nach der Machbarkeit (auch wenn ich mich frage, wie sich ein Richter vorstellt, bei einer Öffnungszeit der Ganztagsschulen zwischen 8 und 16 Uhr einen 8-Stunden-Job zu praktizieren, man müsste den Arbeitsweg ja im zeitlosen Raum zurücklegen, ganz zu schweigen von Kinderarzt-, Logopädie-, Ergotherapie-, Schulfest-, Elternsprechtag und sonstigen Terminen), nein, was mich an diesen ganzen Urteilen ärgert, ist die im Grunde knochenkonservative Auffassung, dass die Mutter das alles zu wuppen hat. Sowohl die komplette Erziehungsleistung als auch den Vollzeitjob. Während der Vater noch einmal ganz von vorne anfangen darf, unbelastet von den Ex-Kindern und der an ihnen zu vollbringenden Erziehungsleistung. Hat man vorher nach einer Scheidung dem meist männlichen Part die komplette finanzielle Verantwortung vor die Füße geworfen, überträgt man nun in den meisten Fällen sehr einseitig der Mutter die menschliche und finanzielle Verantwortung. Wenn die Justiz schon meint, so weitreichend in Leben eingreifen zu müssen, warum wird dann nicht viel öfter über eine tatsächliche Ausübung des gemeinsamen Sorgerechts nachgedacht? Damit jeder Partner, auch der abwesende Vater, mal die Freude hat, früher vom Schreibtisch aufbrechen zu müssen, um an Schulveranstaltungen teilzunehmen, die Zahnarztprophylaxe wahrzunehmen oder ganz einfach ein müdes Kind um 16 Uhr aus der Ganztagsbetreuung abzuholen, um mit ihm vor der nächsten Klassenarbeit noch das kleine oder große Einmaleins zu üben? Manchmal hat Rechtsprechung wenig mit meinem subjektiven Gerechtigkeitsempfinden zu tun …

Posted on August 8th, 2011 by admin  |  No Comments »

Oh, ähm …

Die Nachbarfamilie zieht aus der anderen Doppelhaushälfte aus. Wir bewohnen zu fünft die eine Seite des Hauses mit ca. 149qm. Auf die andere Seite der Mauern zieht nun eine alleinstehende Frau, die sich das Haus einfach so, ganz allein, gekauft hat. In meiner Wahrnehmung schrumpft unser Haus gerade erheblich. Leben wir nun auf zu engem Raum, oder ist das Raumbedürfnis der neuen Nachbarin einfach sehr groß?

Posted on August 8th, 2011 by admin  |  No Comments »

Egomane Gesellschaft

Tatort Supermarkt am frühen Abend: Eine Familie (Vater, Mutter, Kind) kauft ein. Das Kind ist nicht gut drauf. Gar nicht gut. Übermüdet, jammert, weint, kreischt. Der Vater redet beruhigend auf das Kind ein, die Mutter ist genervt. Das Kind wird immer lauter. Die Umstehenden (allesamt kinderlos) bleiben stehen und tun das, was anonyme Umstehende am besten können: glotzen. Eine Frau neben mir seufzt: “Nicht mal in Ruhe einkaufen kann man!” Der Vater versucht das Kind abzulenken. Eine ältere Dame brummt: “Braucht mal welche hinten vor, das Kind!” Die kinderlose Menschheit fühlt sich gestört im bunten, künstlichen Shopping-Warenrausch. Ich frage das Kind “Na, bist du heute so richtig wütend?” Das rotgeweinte Kind nickt. Ich sage, halb zu meiner Tochter gewandt, “wir sind das auch manchmal, aber so richtig! Und dann schreien wir auch. Ganz laut!” Der Vater ist verwirrt. Das Kind auch, aber zumindest schreit es nicht mehr. Sie gehen weiter. Ich frage mich, warum in Deutschland ein schreiendes Kind im Supermarkt wie ein gefährliches Reptil behandelt wird. Hey, es ist ein Kind. Und es hat geschrien, nicht gespuckt, keine Gläser aus den Regalen gerissen, niemandem vors Schienbein getreten. Ja, Schreien nervt. Natürlich. Aber auch nicht mehr als die Mountainbikefahrer, die sich lautstark vor mir über die letzte Tour auf Mallorca unterhalten oder das latente Gedudel aus den Lautsprechern. Manchmal geht mir diese Gesellschaft mit ihrem “Wie geht es mir damit, wenn das Kind vor mir schreit?” und “Kann ich mich selbst verwirklichen, auch wenn ich mal einen Nachmittag durch fußballspielende Kinder im Garten genervt werde?” auf den Keks. Aber sowas von.

Posted on August 8th, 2011 by admin  |  No Comments »

Ich bekenne: Ich bin harmoniesüchtig

An manchen Nachmittagen möchte ich meine Kinder im Wald aussetzen. Manchmal schon kurz nachdem ich sie abgeholt und ins Auto gepackt habe. Zanktage, Zeter-und-Mordio-Tage, Streittage. Ich weiß nicht warum, aber es gibt Tage, an denen kann man sich über alles streiten: wer den größeren Apfel in der Tasche hat, warum das T-Shirt von A anders oder besser riecht als das von B, ob nicht C den größeren Platz auf Mamas Schoß beansprucht als B etc … Und hier kommt meine blöde Harmoniesucht ins Spiel: ich hasse dieses Streiten um scheinbare Nichtigkeiten (für die Kinder sind es ja keine Nichtigkeiten). Nach einem anstrengenden Vormittag klingeln mir die Ohren von “Gar nicht!”, “Wohl!”, “Nein!”, “Doch!”, “Selber, selber, lachen alle Kälber!” Seit der Große zur Schule geht, hat er einen interessanten Fundus an Schimpfwörtern, deren Bedeutung er selbst nicht durchschaut, die er aber gezielt einsetzen kann. Die kleine Schwester kreischt wütend los, und die Allerkleinste vergießt dicke Tränen. Ich stehe dazwischen und denke “Ruhe, kann hier nicht einfach mal Ruhe sein?” Manchmal erwische ich mich dabei, das auch laut zu sagen. Die Kinder zu bitten, sich zu vertragen, obwohl ich sehe, dass sie innerlich noch brodeln, einfach weil mir dieses Keifkreischgeräusch auf den Wecker geht. Das sind keine guten Tage, und ich weiß, dass ich die Auseinandersetzung zwischen den Kindern meiner Harmoniesucht opfere. Kann nicht gut tun. Schließlich will ich keine Duckmäuler erziehen, die nicht in der Lage sind, ihre Meinung zu vertreten. An guten Tagen geht es aber auch anders: da höre ich lange Zeit weg, greife nur ein, wenn es zu Handgreiflichkeiten kommt – und wir üben, wie wir die Dinge sagen können, ohne andere zu verletzen. “Du bist also der Meinung, dein Kuchenstück ist größer? Gut, wiegen wir mal beide aus!” Oder aber “Es nervt dich, dass dein Bruder die Rutsche blockiert. Was meinst du, was du ihm sagen könntest? Versuch mal, das ganz freundlich zu formulieren.” Der guten Tage gibt es in letzter Zeit mehr, seit ich mir bewusst gemacht habe, dass dieses Zanken wohl zur Ausbildung von Sozialkompetenz dazugehört. Ich war Einzelkind, und die wenigen Male, die ich mit Klassenkameraden gezankt habe, kann ich an einer Hand abzählen. Im Nachhinein denke ich, mir hat jemand gefehlt, mit dem ich streiten konnte. Lautstark. Streit erschüttert mich, ich sehe die Dinge ins Wanken geraten und habe Angst, man könnte mich nicht mehr lieben. Dann doch lieber Ohren auf Durchzug stellen und streiten üben.

Übrigens habe ich die beiden Großen auch schon mal ausgesetzt: am Kinderspielplatz fünf Minuten von unserer Haustür entfernt, mit der Bitte, sich auf dem Weg nach Hause eine Lösung für ihr Problem einfallen zu lassen. Das Überraschungsmoment war so groß, dass sie, nach Hause gekommen, gar nicht mehr wussten, weshalb sie sich gegenseitig in die Oberarme gekniffen hatten.

Posted on Juli 28th, 2011 by admin  |  No Comments »