Fürs Protokoll

Ein ganz normaler Abend

18:00 Uhr: Ich verlasse den Garten unter der Ankündigung, den Nudelsalat fürs Abendessen zuzubereiten. Im Kopf habe ich neben den Nudeln gebratene Paprika und Zucchini, Zitronen-Olivenöl-Dressing und vielleicht etwas Minze.

18:05 Uhr: Das Nudelwasser kocht. Ich schütte die Nudeln hinein. Der Große verschwindet mit der Olivenöl-Flasche in seinem Zimmer. Meine investigativen Fragen ergeben, dass er eine Salatschüssel damit füllen möchte, um darin Kokosschalen einzulegen. Ich tausche das teure Olivenöl gegen gebrauchtes Frittieröl aus.

18:10 Uhr: Ich brate das Gemüse an. Zu meinen Füßen hat das kleinste Küken gerade den Karton mit den Kochzeitschriften entdeckt und ausgeräumt. Es folgt die Kiste mit den Ausstechförmchen. Besonders kleine Sternenformen schmerzen, wenn man barfuß in der Küche steht.

18:12 Uhr: Im Garten hysterisches Weinen. Nichts Schlimmes, nur ein eingekrachter Sandkuchen. Das größere Mädchen benötigt einen Apfel, in gleichmäßig kleine Schnitze geteilt, weil sie mit ihren Puppen ein Garten-Picknick veranstalten möchte. (in ihrem früheren Leben muss sie eine viktorianische Dame gewesen sein, die ihren Tag mit Gespielinnen, Sonnenschirm und Picknickkorb im Park verbracht hat) Wo war ich stehengeblieben, was wollte ich kochen? Oh, das Gemüse wird schwarz. Fast.

18:14 Uhr: Ich gieße die Nudeln ab. Der Große möchte, dass ich kleine Löcher in seine Kokosnussschalen bohre. Ich finde den Bohrer nicht und versuche es mit dem Korkenzieher. Nicht zu empfehlen. Die Schale mit dem Öl fällt NICHT auf den Boden.

18:16 Uhr: Wo hatte ich denn die Zitrone fürs Dressing hingelegt? Ah, auf die Gartenbank. Warum auf die Gartenbank? Na, egal. Ich presse (die Zitrone aus).

18:18 Uhr: Es klingelt. Nein, ich möchte jetzt nicht über Jesus reden. Schon gar nicht mit Menschen, die dabei so bierernst ausschauen wie die Zeugen Jeh.ov.as, die vor der Haustür stehen.

18:20 Uhr: Das jüngste Kind hat sich von oben bis unten in Küchenrolle eingewickelt. Es ist valezzt und muss ins Rankenhaus. Wenn ich nochmal auf das Sternförmchen trete, das Förmchen sicherlich auch.

18:25 Uhr: Panikattacke im Garten. Eine Wespe hat sich auf den Apfelschnitzen niedergelassen. Ich rette und berge das Kind und den Apfel.

18:30 Uhr: Das Telefon klingelt. Nein. Ich bin seit einem Jahr nicht mehr bei Vo.da.fone. Nein, ich brauche auch keinen neuen Vertrag. Bitte Danke.

18:35 Uhr: Das augenscheinlich doch nicht so valezzte Kind hat sich selbst aus dem Krankenhaus entlassen, die Schublade geöffnet und das Mehl ausgeschüttet. “Weinachsmann kommt!”

18: 40 Uhr: Ich decke den Tisch. Wir essen. Und mit dem Essen kommt die allselige gefräßige Stille. Niemand will etwas, es kippt kein Wasserglas um, und außer der Frage, ob ich vielleicht aus Versehen Kaugummi in den Nudelsalat geworfen habe (merke: nächstes Mal weniger Apfelminze verwenden), herrschen Frieden, Freude und Eierkuchen.

- Ich glaube, ich werde dieses Leben im Bienenstock in ein paar Jahren ganz gewaltig vermissen. -

Posted on Juli 28th, 2011 by admin  |  No Comments »

Dieses Muttidings

Kann man das eigentlich abstellen, das chronisch schlechte Gewissen? Da bleiben die einen drei Jahre zu Hause und sorgen sich darum, ob das Kind auch genügend Sozialkontakt mit anderen Kindern bekommt, während die anderen im Büro sitzen und sich fragen, ob das Kind später unter ADHS leidet und die eigenen Eltern im Altenheim abschiebt (ich erinnere mich an eine Dienstreise mit meiner Chefin, einer ansonsten knallharten Frau. Die Tagesmutter rief unterwegs an und berichtete, der Sohn sei die Treppe hinuntergefallen. Die Chefin stand kurz vorm Weinen und murmelte vor sich hin “Und alles nur, weil ich arbeite”). Die eine Mutter ist Millionärin und fragt sich, ob das dem Kind guttut, so aufzuwachsen und lässt das Kind darum lieber völlig underdressed herumlaufen, die andere hat zu wenig Geld und sorgt sich, ob das Kind ihm später vorwerfen könnte, dass es sich in No-Name-Lumpen kleiden musste. Die eine kocht gesund und stellt den Fernseher aus und denkt darüber nach, ob das Kind ein Sonderling werden könnte, die andere wärmt Fertiggerichte auf und denkt über Übergewicht nach. Ich bringe meine Kinder in die Ferienbetreuung, kehre an den Schreibtisch heim und denke, hoffentlich sind sie nicht traurig, dass sie nicht sechseinhalb Wochen zu Hause verbringen können. Die Mutter von gegenüber sagt, sie sorgt sich, ihr Kind langweile sich in den Ferien, und genügend gleichaltrige Kinder gebe es ja auch nicht zum Spielen. Die Mutter mit Einzelkind fragt sich, ob das ihrem Kind guttut, so ohne Geschwister aufzuwachsen, während die Mehrkindmutter gesteht, sie habe ja dauernd ein schlechtes Gewissen, weil sie ja keinem Kind einzeln den ganzen Tag gerecht werden könne. Und so geht es weiter, man könnte Tage und Seiten damit füllen. Wer hat uns eigentlich dieses permanent schlechte Gewissen eingeredet? So lange die Kinder nicht geschlagen, psychisch und physisch vernachlässigt werden und glücklich sind (und die Mütter auch), sollte doch eigentlich alles im Lot sein. Ist es aber nicht. Manchmal denke ich, das Muttidings ist ein gutes Korrektiv gegen allzu viel Selbstgewissheit beim eigenen Tun, aber manchmal geht es mir ganz gehörig auf den Wecker …

Posted on Juli 27th, 2011 by admin  |  No Comments »

Heute mal so

 

 

Posted on Juli 26th, 2011 by admin  |  No Comments »

Tabuthemen

“Es hat mich angeödet, dass die Gesellschaft immer älter wird, es aber nicht die dazugehörigen Bilder gibt – Liebe und Sex hören ab einem bestimmten Alter scheinbar auf zu existieren”, so Dresen zu seinem 2008 erschienenen Film “Wolke 9“. Ich habe viel über den Film gelesen, ihn aber erst gestern Abend geschaut. Und seitdem trage ich so ein “hmm”-Gefühl mit mir herum. Dass Liebe und Sexualität im Alter nicht aufhören, daran hatte ich nie Zweifel. Die Bilder dazu trage ich erst seit gestern in meinem Kopf herum. Schlaffe Haut, schütteres Haar, Leberflecken. Eigentlich auch völlig egal. Auch 30-, 40- und 50-Jährige haben kosmetische Probleme. Mein Misstrauen gegen die Marketingkampagnen der Pharmaindustrie zugunsten von Hormonersatztherapien jenseits der Wechseljahre und pro Via.gra war schon vor dem Film groß. Warum also tue ich mich so schwer mit dem Film? “Halbe Treppe” und “Sommer vorm Balkon” könnte ich wieder und wieder schauen, während ich “Wolke 9″ nur mit Mühe beendet habe. Vielleicht ist es die braun-beige Schwermut eines alten DDR-Polizeirufs, die den Film durchzieht. Ist man nicht beschwingt, fröhlich und leicht, wenn man verliebt ist? Warum so viel Trauer und heruntergezogene Mundwinkel? Gibt es im Alter keine Leichtigkeit mehr? Und warum durchfuhr mich der beschämende Gedanke “Hilfe, ich möchte nicht alt werden!”? Vielleicht – und das ist jetzt keine Ironie – bin ich für manche Filme noch nicht alt genug. Ratlos gerade.

Posted on Juli 26th, 2011 by admin  |  No Comments »

Stattdessen

Wenn schon das Riesenrad kein gutes Bauchgefühl mehr hinterlässt, dann aber das

(ich darf das, es gehört heute zu meiner Arbeit ;-) )

Posted on Juli 25th, 2011 by admin  |  No Comments »

Neue Formen des Zusammenlebens

Schlussredaktion ist immer wieder schön. Heute auf meinem Schreibtisch im Angebot: Die “Wohngebeinschaft”. Was kann ich mir darunter vorstellen? Postmortales Zusammenleben statt isoliertem Einzelgrab? Gemeinschaftsblumenschmuck und gemütlicher Kerzenschein für alle? Und allwöchentlich Streit, wer das Grabmal putzt und mal wieder durchharkt?

Meines Erachtens eine mutige und konsequente Weiterführung der Generationenhäuser.

Und ich dachte schon, die Brisanz des gestern im Zusammenhang mit dem Biedermeier gelesenen Satzes “Ein Kupferstich von Goethe, der im Wohnzimmer gehängt wurde”, sei unübertroffen.

Posted on Juli 24th, 2011 by admin  |  No Comments »

Hornhauthobel Rocks

Irgendwo unter meinen Vorfahren muss es Gaukler gegeben haben, fahrende Gesellen, Spielleute und Marktschreier. Anders ist es nicht zu erklären, dass mich Volksfeste und Jahrmärkte magisch anziehen. Heute dann mal hier. Ich bin mit dieser Kirmes aufgewachsen. Als Kind mit den Großeltern jedes Jahr wieder hingefahren, habe Kettenkarrussell, Geisterbahn und Riesenrad besucht, stand mit der Oma auf dem Pottmarkt zwischen verführerisch duftenden Gewürzständen, Fensterreinigern, Hornhauthobeln und Mikrofasertüchern, bestaunte die “Rose von Jericho”, eine Heilpflanze, die laut meinem Opa schlimme Beine heilen konnte (und dabei als Fußbad genossen merkwürdig roch, wobei mein Opa stets behauptete, das sei die Pflanze und nicht seine Füße) und atmete einen Hauch große weite Welt ein. Ordensleute, Feuerschlucker und Folklore, Sachsen neben Spaniern neben Afroamerikanern neben Ostwestfalen. Später dann war es die Cranger Kirmes, der Prater und das Edinburgh Festival, und seit ich der alten Heimat näher bin eben wieder Libori. (und nebenbei einen richtig scharfen Küchenladen entdeckt, und das mitten in der Provinz!)

Mit dem Sohn im Riesenrad vermisste ich heute allerdings dieses angenehme Kribbeln, das mich früher befiel, wenn es wieder nach unten ging. Da der Sohn allerdings “Uuuh, mein Bauch!” rief, fürchte ich, ein Stück vom Zauber ist weg, der Lack angekratzt. So wie die Orte der Kindheit kleiner werden, wenn man sie wieder besucht. Und irgendwie muss es unter meinen Vorfahren ebenso viele Menschen gegeben haben, die dem Trubel nichts abgewinnen konnten. Nach drei Stunden Jahrmarkt befällt mich – ähnlich wie bei zu langem Aufenthalt an zentralen Orten von Großstädten – ein merkwürdig starker Fluchtimpuls (Hilfe, hier sind ja überall Leute!), und ich verlasse das Getümmel, ohne Hornhauthobel, dafür mit Ceylon-Zimt, Vanillestangen und völlig ketchup-mandelverklebten, aber zufriedenen Kindern.

Posted on Juli 23rd, 2011 by admin  |  No Comments »

Also, von mir hat er das nicht …

leider. Ich freue mich, wenn ich kleinere Projekte notgedrungen ohne verknotete Fäden, schiefe Nähte und abgebrochene Nadeln zu Ende führen kann und schaue  oft voller Bewunderung auf all die Nähprojekte in manchen Blogs. Letztens waren wir im Malerladen, und weil die nette Verkäuferin unsere Kinder so anstrahlte, fragte ich, ob sie eventuell noch überzählige Tapetenbücher im Lager habe. Hatte sie. Sogar ein wunderschönes war dabei, mit auf die Tapete abgestimmten Stoffpröbchen. Gestern dann, als das kleine Kind schlief, das mittlere bei der Musikschule war und dem Großen, während ich nur noch diesen einen Text durcharbeiten wollte, langweilig war, da holte er das Tapetenbuch hervor und sprach: “Ich möchte einen Beutel nähen!” Sprachs und nahm sich einen Stofflappen, Nadel und Faden, ließ sich die Stiche und das Rechtsaufrechtslegen erklären und legte los. Einen Beutel, zwei Beutel, drei Beutel. Die Kordeln wurden an der Türklinke gedreht. Dann war die Mittagspause vorbei. Abends erwischte ich ihn beim Blättern im neuen Ja.koo-Katalog über der Werbeanzeige einer Kinder-Nähmaschine. Wenn das so weiter geht, weiß ich, wer hier demnächst die Gardinen kürzt.

Posted on Juli 12th, 2011 by admin  |  No Comments »

Kind und Küche

Manchmal spinne ich. In letzter Zeit häufiger Gegenstand meiner Hirngespinste ist eine Kinderkochschule. Kinder und Küche gehören irgendwie zusammen. Bei uns jedenfalls. Nicht im Sinne der zwangsweise in Haus und Hof geknechteten Hausfrau und Mutter, aber: wenn ich koche oder backe, sind da zwei bis sechs Kinderhände, die helfen wollen: Rühren, abwiegen, schneiden, verkosten. Manchmal gibt es sogar Streit um die Ehrenplätze vor dem Backofen, wo die drei sitzen und schauen, ob und wie das Brot wächst, der Kuchen seine Farbe verändert oder das Backpapier in Flammen aufgeht. Ich mag es, den Kindern zu erzählen, warum Hefewürfel merkwürdig riechen, welche Wirkung Essig im Brot hat, wo die Banane lebt und der Pfeffer wächst, warum man Kräuter besser vor der Blüte als hinterher ernten sollte und ob Erdbeerjoghurt aus dem Supermarkt wirklich Erdbeeren enthält.

Im kleinen Hirngespinst mache ich die Kurse in Schul- und Kindergartenküchen mit Kindern ab fünf. Im großen Hirngespinst, bei dem Geld keine Rolle spielt, dauert der Kochkurs eine Woche, ist mit Übernachtung und findet in einer schönen kindgerecht eingerichteten Küche mit niedrigen Herden und Spülen statt. Weil nur Kochen und Essen auf Dauer nicht auslastet, müsste es einen Garten geben, mit Kräutern, Gemüse und Obst. Einen Wald in der Nähe und viele Wiesen zum Toben. Lagerfeuer, Nachtwanderungen, Sternenschau.

Ach Frau P., sagt mein Über-Ich dann, so etwas Banales lockt doch kein Kind hinter der XBox weg. Gleichzeitig sehe ich, wie begeistert die Freunde der Kinder mit mir in der Küche stehen, manche Mütter fragen, ob wir nachmittags was zusammen mit ihren Kindern was backen könnten, das wäre doch schön, sie könnten das nicht. Ich lese Studien zu übergewichtigen Kindern und weiß, dass manche Siebzehnjährige nicht einmal so banale Dinge wie Milchreis selbst kochen können. Lustvoll Kochen und Backen (und so manche Experimente am Rand der Suppenschüssel), der Umgang mit guten Lebensmitteln, Nachhaltigkeit, Riechen, Schmecken, Ausprobieren, das alles ist kein Hexenwerk, aber es erscheint zu profan, es in Schulen zu lehren (es gibt Schulen, in denen Kochen zum Stundenplan gehört, aber ich kenne niemanden, der dort besonders viel gelernt hat – außer dass man Weintrauben zum Schutz vor Pestiziden mit Spülmittel abwaschen sollte), viele Eltern haben wenig Zeit, viele Küchen sind zu klein, und und und … Tja, und da sitze ich in freien Minuten und träume, stolpere auf Radtouren über stillgelegte Höfe, die mir passend erscheinen, grüble über Sponsoringmöglichkeiten, Hygienevorschriften und meine Vorbildung (ich bin Pädagogin, nicht Ökotrophologin) sowie Berufsrisiken (was, wenn sich ein Kind den Finger abschneidet oder heißes Fett in die Augen spritzt? Ich neige zum plastischen Ausmalen solcher Situationen). Wie sicher, vertraut und risikoarm ist es dagegen doch, Texte zu korrigieren, am Layout herumzubasteln, Autoren zu briefen. Aber: Bleibt alles anders ;-)

Posted on Juli 11th, 2011 by admin  |  No Comments »

Kindermund

Der Mittleren fliegt eine kleine Fliege ins Auge. Das Auge tränt  Das Kind ruft empört: “Erst fliegt sie in mein Auge, und dann macht sie dort auch noch ganz viel Pi.pi!”

Posted on Juli 11th, 2011 by admin  |  No Comments »