Liebgewonnene Rituale

Eben, als ich neben unserem kleinsten Mädchen saß und zum Schlafengehen “Der Mond ist aufgegangen” sang (wir sind so komische Eltern, die so olle Lieder mögen – auch wenn der Kindergarten am liebsten zum Martinstag nur “Milli und Molli” singt ;-) ), ging mir durch den Kopf, dass unser Familienleben von ganz vielen Ritualen geprägt ist, die wir teilweise übernommen, teilweise aber völlig neu geschaffen haben.

- Die frischen Brötchen vom Bäcker am Samstag und Sonntag

- Das selbstgebackene Brot wochentags, das abends durchs Haus duftet

- Der Markt- oder Stadtbesuch am Samstagmorgen (bald wieder mit meinem Lieblings-1000-Tomatensorten-Stand)

- Der Spaziergang am Sonntag mit Tonnen an gesammelten Blättern, Steinen und Tannenzapfen

- Gutenacht-Geschichte und Gutenacht-Lied(er) und “Wie war der Tag?” (wahlweise mit einer 20minütigen Rede oder einem müden “guhut” beantwortbar ;-) )

- ein Kreuzchen mit dem Daumen den Kindern auf die Stirn gemalt vor dem Einschlafen (übernommen von meinen Eltern als Zeichen dafür, dass Gott das Kind behütet Tag und Nacht)

- Das Winken des mittleren Tochterkindes am Kindergartenfenster, wenn ich sie morgens weggebracht habe

- gemeinsam begonnene und beendete Mahlzeiten mit Tischspruch

- Das “Sandmännchen” am Abend und “Löwenzahn” am Sonntag

- Apfelschnitze als Wegzehrung für wilde Piratinnen und Piraten im eigenen Garten

- das demonstrative Erklären der Mittleren, dass man dieses Essen aber nun wirklich nicht möge, um anschließend doch den Teller zu leeren

- Der Anruf vom Opa jeden Sonntag um 10 und die Tüte mit Schokobonbons, die er bei jedem Besuch mitbringt

- Der Schlüsselkontrollgang des Liebsten jeden Abend (ist auch alles abgeschlossen und abgeschaltet? Da ich meine Kontaktlinsen dann bereits abgelegt habe und so gut wie nichts mehr sehe, bin ich dafür sehr dankbar)

- dieselben Sorten Weihnachtsplätzchen und der Stollen jedes Jahr Anfang Dezember

- Kastanientiere, Kartoffelstempel, Barbarazweige, Adventskranz und Tannenbaum

- Osterlämmer, Osterfeuer, bunte Eier, Erdbeerkuchen im Juni, Gurkensuppe und Stockbrot im August, Kürbisse im Herbst, warmer Eintopf im Winter

- das kleinste Kind, das sich jeden Mittag beim Abholen der Mittleren hinterm Busch im Kindergarten versteckt

- das größte Kind, das jeden Abend ca. 3x das Bett verlässt, um Wasser zu trinken, die Toilette zu besuchen und eine gewichtige Frage zu stellen

- der Nachbar, der die Mülltonne für den Montagmorgen immer schon am Sonntagmittag herausstellt

- dieselben CDs, wenn wir längere Autofahrten machen, so dass mir manchmal schon gar nicht mehr auffällt, wenn ich allein im Auto sitze und Kindermusik höre.

- Die Brotdosen und Wasserflaschen, die ich allwöchentlich in Rucksäcke packe, auch wenn wir nur ca. eine Stunde unterwegs sind  (man kann ja nie wissen – vielleicht schneien wir ja ein und würden sonst verhungern)

- Das Bettzeug auf dem Sofa und eine Kinder-DVD, die gemeinsam aneinander gekuschelt geschaut wird, wenn ein Kind krank ist (pädagogisch sicherlich nicht wertvoll, aber unglaublich erholsam)

- Merkwürdige Sinnsprüche meiner Vorfahren, die mir ab und an in den Sinn kommen so wie “Kommen wir über den Hund, kommen wir über den Schwanz” oder “Wenn die Maus satt ist, schmeckt das Mehl bitter” (meist denke ich diese Sprüche nur – ich weiß auch nicht warum, vermutlich frühkindliche Prägung – ich hoffe nicht, dass ich, wenn ich älter werde, in jeder Lebenslage einen Spruch parat habe …)

und, und, und … – so viele Dinge, die uns in Fleisch und Blut übergegangen sind. Viele davon tun wir mit vielen tausend Menschen gemeinsam, manche tun nur wir so, wie wir sie tun – ein Stück Familiensprache, Verbundenheit, liebenswerter Alltag. Rituale beruhigen mich, wenn ich selbst innerlich verknotet bin, ungemein und bringen so viel Rhythmus und Verlässlichkeit in den Tag, dass ich sie als nette, stille Weggefährten schätze.

Posted on Juni 6th, 2010 by Patricia  |  3 Comments »

Furios

Fühle ich mich heute, also wie eine Furie. Kann das jüngste Kind sich nicht endlich mal humane Schlafenszeiten zulegen, statt morgens um viertel nach fünf die komplette Familie zu wecken? Das frühe Aufstehen zieht immer so einen Rattenschwanz aus schlechter Laune, Gereiztheit und Kompromisslosigkeit aller Kinder nach sich – und zur Steigerung meines Wohlbefindens trägt es auch nicht gerade bei. Ja, ja, ich weiß, das sind alles Peanuts, nichts Ernstes und Weltbewegendes, Luxusprobleme sozusagen, aber wenn man seit 21 Monaten keine Nacht durchschläft, wird man irgendwann so arrrr grrrr furios halt …

Posted on Juni 2nd, 2010 by Patricia  |  6 Comments »

Made my Day …

… heute im Kollegium erläuterte eine ältere Kollegin, warum sie bereits mit 60 statt mit 65 3/4 in den Ruhestand gehen möchte. Sie beendete ihre Ausführungen hiermit: “Ich bin eben nicht mehr so jung, frisch und dynamisch als wäre ich 40. Da ist man doch noch im jugendlichen Aufbruch!”

Hach, was bin ich mit meinen noch lange nicht 40 Jahren doch für ein knackig-juveniles Geschöpf :-)

Posted on Mai 31st, 2010 by Patricia  |  No Comments »

Statt Botox und Q10

“Mama, mach dir doch einfach mal ne Spange ins Haar, ungefähr so!”, sprachs und fummelte der Sohn an meinem Haar herum. “Da schaust du gleich total jung aus, so ein bisschen wie die kleine Patricia, die gerade zur Schule kommt!” *kicher* – ist ja auch so ;-) … Also, meine Damen, kramen Sie Ihre Spangen und Glitzerschühchen raus – wahlweise vielleicht auch Pippi-Langstrumpf-Zöpfe? Garantiert nebenwirkungsfrei und risikoarm, es sei denn, man versucht mit den Spangen Mittagsschlaf zu halten, das piekt etwas …

spangen

Wir haben uns an den vergangenen Abenden “Klimawechsel” angetan – und ich denke, ich werde mir in den nächsten 20 Jahren noch viele Spangen ins Haar klemmen ;-)

Posted on Mai 30th, 2010 by Patricia  |  6 Comments »

Einen schönen Sonntag …

… und ganz viel Glück wünsche ich! (im Garten ganz viel vierblättriger Klee in diesem Jahr)

gluecksklee

Posted on Mai 30th, 2010 by Patricia  |  2 Comments »

Sing Hallelujah!

ungefähr so  … gestern Abend kam DER Anruf des Tages, Monats, Jahres - ich bin Lehrkraft mit berufsbegleitender Ausbildung ab Ende August, wenn die finanziellen Rahmenbedingungen stimmen, das muss ich jetzt noch mit der Bezirksregierung aushandeln und hoffe inbrünstig, meine Berufserfahrung wird mir anerkannt (ich bin ja in solchen Dingen notorische Schwarzseherin und Das-Allerschlimmste-Ausmalerin!)

Schön, dass Auswahlgespräche auch mit sieben und mehr Fragestellern sehr menschlich bis amüsant verlaufen können. Verwundert, dass ich mein Fachwissen, wie ich befürchtet und darum Tag und Nacht rekapituliert hatte, gar nicht abspulen musste. Dafür viel wichtiger die Frage, wie meine Utopie von Schule ausschaut, worin ich den Sinn meiner Fächer sehe, wie ich eine Klasse führen würde, welche erzieherischen Prinzipien und Leitbilder mir im Ungang mit meinen Schülern wichtig sind. Und am Ende das gute Gefühl, dass da viel Übereinstimmung ist mit den Menschen, mit denen ich am Tisch sitze, dass es das Richtige ist für mich, trotz des Haderns und Zweifelns der letzten Wochen (ich wäre nicht ich, wenn ich nicht von Zeit zu Zeit alles in Frage stellen, hadern und zweifeln würde).

Und – entgegen meiner Befürchtungen – Teilzeit ist möglich (zumindest 70% – das sind inclusive Seminar 20 Stunden), so dass ich noch ein wenig Zeit zum Lernen (ich arbeite ja neben dem bzw. besser im Unterricht auf die 2. Staatsprüfung hin – öhm), für die Vorbereitung der Stunden und meine drei Mäuse habe. Kommt Zeit, kommt Zukunft!

Edit: Und das Schöne, selbst wenn ich die Prüfung versemmele, darf ich angestellt an der Schule bleiben (so als Calm Down für unters Kopfkissen, damit ich überhaupt noch ruhig schlafen kann …)

Posted on Mai 29th, 2010 by Patricia  |  4 Comments »

Wegen Überfüllung geschlossen …

… mein Kopf. Zu viele Baustellen für einen Menschen. Zu viele Fragen. Zu wenig Zeit zum Nachdenken.

1. Hospitiere ich derzeit in der Schule meines Vertrauens, in der in zwei Jahren eine Stelle frei würde. Hospitieren kostet Zeit, das Vor- und Nachbereiten der Stunden, das Reden mit den Lehrern. Unsere Kinder müssen mittags abgeholt werden. Wir ernähren uns derzeit von 15-Minuten-Gerichten. Das Babymädchen ist verheult und möchte lieber zu Hause bleiben.

2. Bereite ich mich auf die Heilige Inquisition vor. Am Freitag habe ich ein Vorstellungsgespräch, in dem es um direkte Einstellung in den Schuldienst mit begleitendem Zweitem Staatsexamen geht. Leider in Vollzeit. Leider mit ergänzender Leitung von Theater-AGs etc … also de facto 50-Stunden-Job mit ergänzender Schreibtisch-Arbeit. Parallel dazu ist der Allerbeste beruflich mehr als eingespannt, kommt abends selten vor 19 Uhr nach Hause, muss danach noch weiterarbeiten und hat den Kopf voll.

3. Arbeite ich freiberuflich. Morgens, wenn die Damen und Herren in Kita und Schule sind. Klappt ganz gut eigentlich, aber leider ohne jegliche Sicherheit, dass es so bleibt mit der Auftragslage bzw. mehr wird. Schön, weil es am einfachsten in den Tag mit Kindern integrierbar ist. Leider aber so ohne jegliches Prestige. Ich sehne meinen alten Job zurück, möchte wieder eine Dienstadresse, eine Visitenkarte und Bonusmeilen und bin rückwirkend frustriert darüber, dass meine Firma ausgerechnet in der Elternzeit den Geist aufgegeben hat.

4. Da war doch noch was? Ach ja, die Kinder, die ab 12 Uhr das Haus bevölkern und 1,2 und 3 fast unmöglich machen, außer sie halten Mittagsruhe, doch was ist das für ein Wort für einen Sechs- und eine Vierjährige? Das Babykind wird bei den geringsten Anzeichen erhöhter Temperatur nach Hause geschickt, kündigte die Erzieherin an, die Mittlere (und damit auch ich) ist Stammgast bei der Logopädin (lange nicht erkanntem Paukenerguss sei dank) und der Große braucht derzeit eine Riesenportion Anschubsen bei den Hausaufgaben. Den Haushalt erwähne ich schon gar nicht mehr als separaten Punkt, Sauberkeit und Ordnung werden sowieso maßlos überbewertet …

Heute, als ich vom Hospitieren zurückkam und feststellte, dass mir genau 5 Minuten bleiben, bevor ich die Kinder hole, habe ich mich kurz hingesetzt -- und plötzlich ging gar nichts mehr. In den Ohren rauschte und drückte es, als säße ich im Flugzeug im Landeanflug und Kopf, Beine und Rücken schmerzten wie unter Grippe. Schön, dass frau da nachmittags so ihre Routinen hat, die sie auch blind und im Rückwärtsgang ausführen könnte. Weniger schön, dass meine Energien gerade so dissoziativ arbeiten, dass kaum noch etwas bei den Kindern ankommt, die heulen und toben und sich das Ganze so unglücklich hochschaukelt. Irgendwas läuft da gerade gewaltig schief, und ich weiß nicht was. Doch, irgendwie schon. Ich muss mir vermutlich eingestehen, dass ich zu viel will. Muss? Was davon selbst-, was fremdbestimmt ist auch. Wo ich vielleicht loslassen sollte. Zeit zum Nachdenken habe ich keine. Ich sehne mich nach Ein.sam.keit. Dem Kloster, in dem ich mich sammeln kann. Wo ist der Berg, von dem aus ich den Überblick darüber gewinne, wo ich stehe?

So ungefähr … (ja, es ist Rosenstolz, I am awfully sorry - aber man muss ja nicht zuhören …)

Posted on Mai 26th, 2010 by Patricia  |  4 Comments »

Emotional gekräutert

Seit ich in meiner ersten eigenen Stadtwohnung einen kleinen Balkon hatte, liebe ich Kräuter. Den feinen Geruch von Lavendel, die Blüten, die die Kinder getrocknet im Spätsommer auf kleine Säckchen verteilen und im Haus auf den Kopfkissen ablegen, Rosmarin zu Kartoffeln und Quiche, Zitronenmelisse, um einfach die Nase hineinzustecken und einen klaren Kopf zu bekommen, Oregano zu Pizza und Tomatensoße, Majoran in der Kartoffelsuppe, Thymian zum Braten, leuchtendgrünes Pesto mit Tonnen an frischem Basilikum, Bärlauchfrikadellen, Liebstöckel im Nudelsalat  – und wenn ich gerade nicht esse, gehe ich gern nach draußen und reibe meine Finger an den Blättern, schnuppere und träume mich kurz weg in den Süden, irgendwo in eine karge Felslandschaft am Meer. Wo ich bin, müssen Kräuter sein – sonst wäre ich traurig, geruchsamputiert.

In meiner Familie gab es keine Kräuter. Vielleicht Petersilie und Schnittlauch. Und Salz und Pfeffer natürlich. Aber wenig sonst. In meiner Ursprungsfamilie gab es auch wenig Zwischentöne. Es gab Schwarz und Weiß. Salz und Pfeffer. Gut und Böse. Punkt. Bei uns gibt es fröhliche Tage, weniger fröhliche Tage, Durchschnittstage, besonders fröhliche Tage, traurige Tage, Scheiß-egal-Tage, Nochmalinsbettgeh-und-mit-dem-richtigen-Fuß-Aufsteh-Tage, richtig traurige Tage, Ichweißauchnicht-Tage, müde Tage, wirre Tage, Kuscheltage, Anbrülltage, Heultage, Albernherumlachtage, Blödeltage, Browniebackweilallesanderenichtgehttage. Manchmal denke ich, Kräuter in der Küche sind wie Zwischentöne in menschlichen Beziehungen. Wenn sie fehlen, ist das Leben fade. Oder wahlweise versalzen, weil man nicht weiß, wie man sonst Würze hineinbringen soll in den Einheitsbrei.

Ich vergaß: in meiner Familie gab es Fondor. Fondor passte zu allem. Irgendwie. Und ersetzte alles andere. Fondor war wie Dallas und Denver – Gewürze aus der Tüte, Emotionen aus der Dose. Bezeichnenderweise habe ich meine Mutter auch nie weinen sehen, außer beim Fernsehen. Leben ohne Glutamat und soapy emotions ist auf den ersten Blick vielleicht schwieriger, auf den zweiten würziger und auf den dritten erfüllter ;-)

Posted on Mai 22nd, 2010 by Patricia  |  2 Comments »

Wie alt bin ich eigentlich …

… dass Menschen der nächsten Generation schon wieder 80er Jahre Pop produzieren und auf der Retro-Welle schwimmen? (aber der Alt gefällt mir -- angenehm anders als das restliche Piepsen ;-) )

Posted on Mai 22nd, 2010 by Patricia  |  No Comments »

Normal?

Ich kann derzeit gar nicht so recht bloggen, weil alle Dinge am Wichtigkeits-Zensor scheitern (wobei ich gern noch ein paar Takte über Krankenhäuser schreiben möchte irgendwann …) Ich krusche irgendwie normal vor mich hin, versuche meine freiberuflichen Aufträge zu Ende zu bringen, koche, backe, bastle, putze und wasche – und bin irgendwie doch noch etwas hinter meiner Zeit. So als liefe, nein eher ginge ich bewusst langsam hinter einem Zug her, der schon längst fährt, aber anders als sonst bemühe ich mich gerade gar nicht, aufzuspringen, sondern bummele und trödele und hänge meinen Gedanken nach. Ich hoffe, der Zug macht am nächsten oder übernächsten Bahnhof etwas länger Halt, damit ich den Anschluss bekomme, aber so lange gestehe ich mir und den Kindern zu, etwas aus der Zeit zu fallen. Der Große träumt, die Schwester ist tot, die Mittlere ruft manchmal unvermittelt am Tag aus: “Tildi atmet gar nicht mehr – ich sehe das gar nicht!”, obwohl die kleine Schwester fröhlich spielend neben ihr steht. Es war “nur” ein Fieberkrampf, nichts gegen lebensbedrohliche Krankheiten und Schicksalsschläge – und manchmal denke ich, was tun, wenn letzteres käme, wenn mich ersteres schon so aus dem Takt wirft? Leben. Annehmen. Leben. So schwer manchmal und doch das einzige, das über den Tag hilft.

Posted on Mai 17th, 2010 by Patricia  |  5 Comments »