Wolfgang Bergmann ist am 18. Mai gestorben. Ich habe seine Bücher gern gelesen, weil sie sich wohltuend vom populären Schrei nach Disziplin und diversen Kampfansagen an die kindliche “Tyrannei” abheben, weil die Liebe im Mittelpunkt steht und nicht die Trickkiste mit den 25 Tipps für eine bessere Erziehung. Was er wohl zu dieser Diskussion im Anschluss an den SPON-Artikel gesagt hätte?
Ich habe den Artikel gelesen und gedacht “Ja, nein, stimmt, stimmt nicht!” Zum ersten: Kinder sind keine Monster. Kinder sind Menschen, die wir auf dem Weg in ein würdiges Erwachsensein begleiten. Wir schieben sie nicht und wir laufen nicht vor ihnen her, um ihnen den Weg zu ebnen, wir gehen neben und mit ihnen. Zum zweiten: mir erscheinen die Beispiele im Artikel arg konstruiert. Wenn ich irgendwo ein Kind treffe, das mir vors Schienbein tritt, sage ich dem Kind deutlich, dass das so nicht geht, und ich habe bislang noch keine Eltern getroffen, die mir in diesem Fall eine Einmischung verboten hätten. Wenn meine Kinder sich in der Öffentlichkeit nicht regelkonform benehmen, weise ich sie deutlich darauf hin. Wenn sie weiterhin den Supermarkt zusammenschreien, nehme ich sie auf den Arm und gehe mit ihnen zum Auto, notfalls ohne Einkäufe. Und wenn die Verkäuferin zum großen Kind sagt, Mensch, Kind, du siehst aber müde aus, geh mal früher ins Bett, dann empfinde ich das nicht als übergriffig – ich weiß ja selbst, er liest zu lange, aber ich war genau so.
Was mich nervt, ist ein Umfeld, das immer alles besser weiß. Der Säugling schreit, also hat er Hunger, Angst, bekommt im Tragetuch keine Luft, braucht einen Nuckel oder mal was Ordentliches zu essen. Die Fünfjährige hat einen schlechten Tag, kommt weinend aus dem Kindergarten und die erzkonservative Nachbarin sagt “Ach, armes Kind, musste die Mutti heut so lange arbeiten? Ist aber auch anstrengend so ein Tag in der Krippe!” Danke auch. Ursachenforschung betreibe ich lieber allein, denn ich kenne die Hintergründe.
(im Übrigen, was würde der Autor sagen, wenn man ihm im Supermarkt mit pädagogischem Unterton nahelegen würde, doch bitte das Rauchen oder den Konsum von Alkohol zu unterlassen, das ruiniere nicht nur seine Gesundheit, sondern das komplette Gesundheitssystem? Indiskrete Einmischung, oder?)
Darüber hinaus: Was im Artikel beschrieben wird, betrifft doch nicht nur Kinder. Wir fühlen uns für nichts und niemanden mehr verantwortlich. Da können in U-Bahn-Schächten Menschen verprügelt, vergewaltigt und getötet werden – und wir schauen weg. Hauptsache, es betrifft uns nicht. Und am liebsten würden wir doch weglaufen, wenn uns jemand anspricht und um Hilfe bittet. Ich klage ja manchmal darüber, dass ich ein “Sprich mich an”-Schild auf der Stirn kleben habe: ich bin es, die den älteren Damen den Orangensaft aus dem obersten Regal holt, dem Mann im Rolli die Klotür im Zug aufhält und sich die Geschichten vom Weltwirtschaftswunder anhört, die der Herr an der Supermarktkasse zum Besten gibt. Vielleicht sollte ich das Schild einfach mal positiv betrachten: ich kann nicht wegschauen, insofern sollte ich vielleicht noch genauer hinschauen. Vielleicht fallen sie mir dann auch auf, die vielen Kinder, die ältere Herren an Supermarktkassen traktieren und die Mütter, die sich jegliche Einmischung in die Erziehung verbitten.
Um es kurz zu machen: Kinder sind keine Monster, und genau das wusste Wolfgang Bergmann.