Vorwürfe

Am Freitag waren wir auf dem Erdbeerfeld. Die Kinder haben, wie jedes Jahr, ein paar Erdbeeren direkt nach dem Pflücken gekostet. Ungewaschen. Angesichts der jetzigen EHEC-Fälle und der Fülle an Tipps zum Waschen und Durcherhitzen von Nahrungsmitteln habe ich ein arg schlechtes Gewissen. Aber hilft ja nicht. Demnächst nur noch gewaschen, gekocht, sterilisiert und unspontan …

Posted on Mai 24th, 2011 by Ordinarylife  |  3 Comments »

Anwalt der Kinder

Wolfgang Bergmann ist am 18. Mai gestorben. Ich habe seine Bücher gern gelesen, weil sie sich wohltuend vom populären Schrei nach Disziplin und diversen Kampfansagen an die kindliche “Tyrannei” abheben, weil die Liebe im Mittelpunkt steht und nicht die Trickkiste mit den 25 Tipps für eine bessere Erziehung. Was er wohl zu dieser Diskussion im Anschluss an den SPON-Artikel gesagt hätte?

Ich habe den Artikel gelesen und gedacht “Ja, nein, stimmt, stimmt nicht!” Zum ersten: Kinder sind keine Monster. Kinder sind Menschen, die wir auf dem Weg in ein würdiges Erwachsensein begleiten. Wir schieben sie nicht und wir laufen nicht vor ihnen her, um ihnen den Weg zu ebnen, wir gehen neben und mit ihnen. Zum zweiten: mir erscheinen die Beispiele im Artikel arg konstruiert. Wenn ich irgendwo ein Kind treffe, das mir vors Schienbein tritt, sage ich dem Kind deutlich, dass das so nicht geht, und ich habe bislang noch keine Eltern getroffen, die mir in diesem Fall eine Einmischung verboten hätten. Wenn meine Kinder sich in der Öffentlichkeit nicht regelkonform benehmen, weise ich sie deutlich darauf hin. Wenn sie weiterhin den Supermarkt zusammenschreien, nehme ich sie auf den Arm und gehe mit ihnen zum Auto, notfalls ohne Einkäufe. Und wenn die Verkäuferin zum großen Kind sagt, Mensch, Kind, du siehst aber müde aus, geh mal früher ins Bett, dann empfinde ich das nicht als übergriffig – ich weiß ja selbst, er liest zu lange, aber ich war genau so.

Was mich nervt, ist ein Umfeld, das immer alles besser weiß. Der Säugling schreit, also hat er Hunger, Angst, bekommt im Tragetuch keine Luft, braucht einen Nuckel oder mal was Ordentliches zu essen. Die Fünfjährige hat einen schlechten Tag, kommt weinend aus dem Kindergarten und die erzkonservative Nachbarin sagt “Ach, armes Kind, musste die Mutti heut so lange arbeiten? Ist aber auch anstrengend so ein Tag in der Krippe!” Danke auch. Ursachenforschung betreibe ich lieber allein, denn ich kenne die Hintergründe.

(im Übrigen, was würde der Autor sagen, wenn man ihm im Supermarkt mit pädagogischem Unterton nahelegen würde, doch bitte das Rauchen oder den Konsum von Alkohol zu unterlassen, das ruiniere nicht nur seine Gesundheit, sondern das komplette Gesundheitssystem? Indiskrete Einmischung, oder?)

Darüber hinaus: Was im Artikel beschrieben wird, betrifft doch nicht nur Kinder. Wir fühlen uns für nichts und niemanden mehr verantwortlich. Da können in U-Bahn-Schächten Menschen verprügelt, vergewaltigt und getötet werden – und wir schauen weg. Hauptsache, es betrifft uns nicht. Und am liebsten würden wir doch weglaufen, wenn uns jemand anspricht und um Hilfe bittet. Ich klage ja manchmal darüber, dass ich ein “Sprich mich an”-Schild auf der Stirn kleben habe: ich bin es, die den älteren Damen den Orangensaft aus dem obersten Regal holt, dem Mann im Rolli die Klotür im Zug aufhält und sich die Geschichten vom Weltwirtschaftswunder anhört, die der Herr an der Supermarktkasse zum Besten gibt. Vielleicht sollte ich das Schild einfach mal positiv betrachten: ich kann nicht wegschauen, insofern sollte ich vielleicht noch genauer hinschauen. Vielleicht fallen sie mir dann auch auf, die vielen Kinder, die ältere Herren an Supermarktkassen traktieren und die Mütter, die sich jegliche Einmischung in die Erziehung verbitten.

Um es kurz zu machen: Kinder sind keine Monster, und genau das wusste Wolfgang Bergmann.

Posted on Mai 23rd, 2011 by Ordinarylife  |  No Comments »

Wochenende: Farben

Posted on Mai 22nd, 2011 by Ordinarylife  |  2 Comments »

Erziehungspartnerschaft

Wenn früher in Fachartikeln oder Hochglanzbroschüren die Rede von diesem Begriff war, hielt ich ihn für ein hochtrabendes Füllwort. Kein Wunder in einem Kindergarten, in dem man die Eltern nur als Kuchenlieferant und den Elternrat als lästiges Übel betrachtete. Seit unsere beiden Mädchen das Paradies auf dem grünen Hügel besuchen, weiß ich, dass Erziehungspartnerschaft keine Phrase ist. Selbst wenn die Kinder nicht täglich im Wald wären, wöchentlich forschten, turnten, musizierten, kochten, Videos drehten und über weltbewegende Themen wie Atomkraftwerke und Stuttgart 21 redeten – ich würde dort bleiben. Einfach weil das Klima stimmt. Die Erzieherinnen zuhören, hinschauen, jedes Kind beim Namen nennen und in seinen Besonderheiten kennen, Herzenswärme statt Prinzipien walten lassen und den Dialog mit den Eltern sehr ernst nehmen.

In der letzten Woche hatte ich Feedbackgespräche zum ersten Halbjahr – und es war so erfreulich anders. Im alten Kindergarten habe ich mich gefreut, wenn die Erzieherinnen wussten, wie unser Kind heißt. Als Feedback kam meist so etwas wie “Er hat mal mit einem Baustein um sich geworfen, das fanden wir nicht so gut” oder “Er spielt schon mal mit Puppen”. Nach zehn Minuten war die Vorstellung beendet.

In der letzten Woche nahmen sich die Erzieherinnen für jedes Kind eine Stunde Zeit, der Kaffee und der Schokokuchen stand auf dem Tisch, das Feedback sollte eindeutig “nicht defizitorientiert” sein, und ich war erstaunt, welch umfassende Perspektive ich auf meine beiden Mädchen bekam. Es fand so viel Austausch statt, gegenseitiges Rückversichern, Klarheit und ja, Liebe zu den Kindern, Reflexion über das eigene Tun und seine Wirkung. Am Ende des Gesprächs wurde ich gefragt, ob denn der Kindergarten meine Erwartungen erfüllt habe. Ich war verwirrt, denn solche Fragen kenne ich eher aus Dienstleister-Rückmeldungen. Dass sich der Kindergarten als solcher versteht, war mir neu und versetzte mich in Staunen.

Und ich frage mich: warum können Kindergärten so unterschiedlich sein? Mit gleichen finanziellen Mitteln, ähnlich ausgebildeten Erzieherinnen, vergleichbarem Personalschlüssel und sonstigen Rahmenbedingungen? Ist es die Leitung, die den Unterschied macht? Engagierte Pädagogin mit Bodenhaftung versus Innenausstatterin im alten Kindergarten, der nur die Optik am Herzen lag und die kurz vorm Nervenzusammenbruch stand, wenn mal wieder ein Kind mit schmutzigen Stiefeln über den Spielteppich getappst war? Der Krankenstand im neuen Kiga geht gegen Null. Im alten Kindergarten war ständig jemand krank, über Wochen krankheitshalber beurlaubt etc….

Liegt es daran, dass sich der neue Kiga regelmäßig eine externe Supervision gönnt? Ich bin verwundert, nehme dankend an und finde es doch so schade, dass Kindergarten nicht überall so sein kann. Und wie kann man den Zauber von der einen Einrichtung in andere übertragen? Best Practice Modelle oder das Personal austauschen? Und warum wird die Fliesengröße in Fleischereien akribisch kontrolliert, während man in Kindergärten, wenn man nur die Hygienestandards beachtet, tun und vor allem lassen kann, was man möchte?

Posted on Mai 20th, 2011 by Ordinarylife  |  14 Comments »

Den Anschluss verloren

habe ich hier gerade. Dabei gäbe es so viel zu berichten. Darüber, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben berufliche Gemeinheit am eigenen Leib erfahren musste. Nein, nicht beim neuen Auftraggeber, der alte hat nachgetreten, und zwar so heftig, dass es mir tagelang die Sprache verschlagen hat. Normalerweise suche ich nach Motiven für das Handeln anderer Menschen, aber mir fiel es in diesem Fall sehr schwer. Wie gekränkt kann man eigentlich sein, wenn ein Mitarbeiter geht, dass man versucht, ihm die Zukunft in neuen Projekten madig zu machen? Ganz mieses Schmierentheater lief hier ab um mich herum in den letzten Wochen, und der Mann sprach bereits von meiner persönlichen “Daily Soap”, wenn ich morgens den Mail-Account öffnete. (ich hätte gern auf diese Soap verzichtet) Mittlerweile habe ich Abstand gewonnen von den Dingen, versuche zu verzeihen, auch wenn es mir schwer fällt, und mich darauf zu konzentrieren, dass mein Wissen und meine Kompetenzen bei mir bleiben, egal wie viele Knüppel mir gerade zwischen die Beine geworfen werden. Glücklicherweise gibt es genügend Menschen, die mir beruflich Rückhalt bieten.

Das kleinste Mädchen ist seit zwei Wochen komplett windelfrei. Von einem Tag auf den anderen. Auf die Frage “Willst du mal ohne Windeln herumlaufen?” antwortete es mit einem begeisterten “Ja!”, und seitdem waren sage und schreibe zwei Unterhosen nass. Und das Kind übt sich in Perfektion. Während Nummer 1 und 2 sehr lange auf die Toilette begleitet werden mussten und sich darin gefielen, sich das Klopapier anreichen zu lassen und gemeinsam Hände zu waschen, geht das kleinste Kindelein einfach ohne große Ankündigung zur Toilette, schließt gepflegt die Tür, klettert auf die große Brille, wäscht sich ordentlich die Hände – ich gebe zu, ich bin immer noch baff, und mehr und mehr denke ich, alles hat seine Zeit, die großen Dinge und die kleinen, und wenn der Apfel reif ist, fällt er.

Ich habe eine Entdeckung gemacht. Dieses Kochbuch von Yotam Ottolenghi. Abgesehen vom merkwürdigen Einband, der sich anfühlt und ausschaut wie Tante Hildes altes Sofa, ist es eine Schatztruhe ungewöhnlicher vegetarischer Gerichte. Wir haben mehrfach aus dem Buch gekocht und es war einfach nur wow, Geschmacksexplosionen auf der Zunge, Urlaubsgerüche in der Küche, Kinder, die um uns herumtanzten und riefen “Es duftet wie im Himmel” – und völlig leergeputzte Schüsseln. Für Fleisch ist derzeit gar kein Platz im Speiseplan ;-)

Zum ersten Mal seit fast drei Jahren habe ich mich morgens, während meiner Arbeit am heimischen Schreibtisch, davongeschlichen. Einmal war ich Laufen, zweimal Schwimmen. Und es fühlt sich richtig an. Beim ersten Mal dachte ich noch, das geht nicht, entweder ich muss arbeiten oder ich muss die Kinder um mich herum haben, aber beim dritten Mal verließ mich das schlechte Gewissen und wich einem Gefühl von unbändiger Freiheit. Ich. Schwimmen. Allein. (und im heimischen Waldbad bei 16 Grad Außentemperatur ist man auch wirklich allein)

Es ist Frühling. Auch wenn die Seele ein paar blaue Flecken hat. Und dass der Toiletten-Content direkt vor dem Küchen-Content steht, liegt daran, dass hier Stream of Consciousness durchgängiges literarisches Prinzip ist.

Posted on Mai 19th, 2011 by Ordinarylife  |  1 Comment »

Die Sehnsucht nach Erwachsenen

Es gibt Tage, und manchmal reihen sich diese Tage auch an Tage, da bin ich ausschließlich mit den Kindern zusammen – und sehne mich nach Erwachsenen. Krankheitstage gehören zu diesen Tagen, Tage, an denen sich der Mann auf Dienstreise befindet, die Kita und die Schule geschlossen haben, meine Arbeit auf dem Schreibtisch liegen bleiben muss, bis es Abend ist und keinerlei Verabredungen existieren. Ich genieße das Zusammensein mit den Kindern, ich lese gern vor, male mit ihnen, gehe in der Natur auf Entdeckungsreise, verpflastere aufgeschlagene Knie, hole dreimal tief Luft und wasche mir mit kaltem Wasser das Gesicht, wenn zwei von drei Kindern mit dem falschen Fuß aufgestanden sind. Was aber bleibt, ist diese Sehnsucht. Manchmal verbringe ich Nachmittage mit der Freundin, die auch drei Kinder hat. Diese Nachmittage sind oft unglaublich entspannend für uns beide. Die Kinder spielen miteinander, es bleibt Zeit zum Reden, Lachen und Nachdenken. Ich behaupte, es könnten auch 10 oder 12 Kinder sein, und die Situation wäre dieselbe. Ich glaube, Kinder brauchen Kinder, und Erwachsene brauchen Erwachsene. Und früher gab es beides: Kinderhorden, die um Haus und Hof tobten, Erwachsene, die miteinander und oft zeitgleich ihre Arbeit erledigten. Die Kinder gehören dazu, das ist keine Frage. Aber der Schritt von der Arbeit in Haus und Hof zum ausschließlichen Muttersein, Mutti-Entertainer und -Chauffeur, der sein komplettes Leben an den Kindern ausrichtet, die Frau, die einsam mit ihrem Nachwuchs in der Vorstadtsiedlung sitzen bleibt, während der Mann zur Arbeit fährt, dieser Schritt erscheint mir manchmal unnatürlich. Und ich freue mich, wenn der Mann von der Dienstreise zurückkehrt, ich das trotzende Kleinkind in den Arm nehme, er eine Augenbraue hochzieht und ich lächle. All diese Kleinigkeiten. Bevor wir uns in der Vorstadt der Vorstadt niedergelassen haben, hatten wir Unterlagen über ein Mehrgenerationen-Wohnprojekt zu Hause liegen. Ich wäre morgen am Tag in eines der Häuser gezogen. Leider hätte uns das ganze Unterfangen ein Vermögen gekostet, und wie man hört, haben sich in diesem Wohnprojekt bislang eher Senioren denn Familien niedergelassen. Schade eigentlich. Es wäre so meins gewesen.

Posted on Mai 5th, 2011 by Ordinarylife  |  6 Comments »

Abenteuerlich

Der Mann von den Stadtwerken hat eben beim Auswechseln des Wasserzählers in der Waschküche nicht nur alle Kabel (Internet, Telefon und Co.) entstöpselt (und einen Teil davon in verkehrter Reihenfolge wieder eingestöpselt), nein, er hat auch die restlichen Kabelenden in den Wassereimer gehängt, den er während des Wechselprozesses mit Wasser gefüllt hatte. Guter Mann, wollten Sie uns alle umbringen? Oder war das ein neuer Feldversuch, ob Wasser eventuell noch besser als Glasfaser zur Datenübertragung taugt?

Posted on Mai 4th, 2011 by Ordinarylife  |  4 Comments »

Ein Frauendings?

Vor sechs Wochen habe ich meiner Hauptauftraggeberin den Rücken gekehrt. Vorangegangen waren einige unschöne Erlebnisse, Gespräche, die so gar nicht meiner Vorstellung von partnerschaftlichem Miteinander entsprachen und vor allem: ein absolut inakzeptabler Stundenlohn. Putzen hätte ich für mein Gehalt gehen sollen, aber nicht fünf komplexe Projekte leiten. Ich habe mehrmals auf dieses Defizit hingewiesen, ohne Erfolg. Als sich die Gelegenheit bot, habe ich gewechselt. Habe nun einen höheren Stundenlohn, einige sehr fruchtbare Kontakte aufgebaut und die nächsten Monate gut zu tun. So weit. Spannend nur, wie die maskuline Umwelt das Ganze interpretiert: “So ne typische Frauensache”, höre ich da immer wieder. “Ihr beiden (Auftraggeberin und ich) kamt wohl nicht gut miteinander klar, oder?” “Männer streiten da mal, und dann ist es wieder gut!”

Oh, und mich macht das so wütend. Ich bin nicht gegangen, weil meine Lieblingsfarbe rot und ihre vielleicht grau ist. Nicht, weil wir uns emotional angekeift hätten oder ich unter PMS leide. Der Grund war schlicht und einfach: wir stimmten in dem Produkt, das zu entwickeln war, absolut nicht überein, und noch wichtiger: ich habe unter Wert gearbeitet. Und ich bin gegangen, weil ich gesehen habe, dass sich die Dinge nicht ändern würden. Was daran ist weiblich? Ein Frauendings war es vielmehr, diesen Auftrag überhaupt angenommen zu haben – freundlich, unterbezahlt und lächelnd, weil das Projekt so spannend war. Schon merkwürdig, wie Männer dieses Verhalten interpretieren. Wenn sie selbst wechseln, wechseln sie, weil sich eine Karrierechance auftat, weil der neue Job besser bezahlt war – und wenn Frauen wechseln, tun sie das, weil sie emotionale Weicheier sind? Meine lila Ader schwillt an ;-)

Posted on Mai 4th, 2011 by Ordinarylife  |  No Comments »

Ein Kind kostet

nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes bis zu seinem 18. Lebensjahr so viel wie ein kleines Einfamilienhaus. Mehrfach habe ich diesen Satz in der Vergangenheit gelesen, und gestern kam er mir wieder unter die Augen, in einer US-amerikanischen Studie, in der Eltern über ihre Lebenszufriedenheit befragt wurden und um so mehr Gründe für Kinder (er)fanden, je deutlicher ihnen vor Augen geführt wurde, was Kinder kosten. (es waren ca. 190.000 Dollar bis zum 18. Lebensjahr). Und mein Bauchgrummeln wurde stärker und stärker. Ja, Kinder kosten, und vielleicht hat das Statistische Bundesamt diese Zahl nur irgendwann ins Rennen gebracht, um deutlich zu machen, wie viel Geld Eltern berappeln müssen, bis ihre Kleinen groß sind. Aber die argumentative Verwendung dieser Summe für oder gegen Kinder ist doch im Grunde genommen fernab jeglicher Ethik. Ein Kind gegen ein Haus. Die Mehrkindfamilie gegen eine Reihenhaussiedlung. Wenn das Kind nicht da wäre, könnten wir schöner wohnen, uns ein Boot kaufen, mehr in den Urlaub fahren. Hat das Statistische Bundesamt eigentlich mal errechnet, wie viel Geld meine Auftraggeber sparen würden, wenn ich nicht da wäre? Und welchen Anteil an Ama.zon ich bis zu meinem 80. Lebensjahr aufgekauft habe? Welche Summen die kinderlosen Nachbarn gegenüber sparen würden, wenn sie nicht alle zwei Wochen vom Gärtner ihre Hecke stutzen ließen und statt Wein Kamillentee tränken? Vielleicht würde es der Staatskasse ja auch besser gehen, wenn wir alle weg wären? (halt, nein, da war doch noch was, ach ja, die Steuerzahler!)

Ein Menschenleben gleich X.0000 Euro. Diese Rechnung kann nicht aufgehen, weil rechts eine Zahl steht und links die Unendlichkeit. Weil Familien keine Versicherungsanstalten sind, und weil sie, obwohl sie eine Wirtschaftseinheit bilden, nicht ausschließlich nach betriebswirtschaftlichen Prinzipien leben. Weil Geld Geld ist und Menschen Menschen sind.

Posted on Mai 3rd, 2011 by Ordinarylife  |  12 Comments »

Letztens am Frühstückstisch

Wir sprachen über Wunden. Der Mann zeigt mir seinen Zeigefinger mit einer schmalen kleinen Narbe darauf und sagt: “Schau mal, da habe ich mich mit sieben Jahren geschnitten. Hat geblutet. Meine Mutter hat sofort den Krankenwagen gerufen!” Ich zeige dem Mann die Narbe, die sich auf der Kuppe meines Daumengelenks befindet und sage: “Da war ich auch sieben. Habe mir mit der Brotmaschine nicht nur Brot, sondern auch die Kuppe abgeschnitten. Hat geblutet wie Schwein. Mein Vater kam aus der Scheune, hat die abgeschnittene Kuppe wieder draufgesetzt, ein sauberes Küchenhandtuch drumrum gewickelt und mir den Auftrag gegeben, kräftig zu drücken, bis es aufhört zu bluten. Die Kuppe ist wieder angewachsen.” Ähnliche Verletzungen und völlig unterschiedliche Wege, damit umzugehen. Erstaunlich eigentlich, dass wir bei unseren Kindern aus dem Bauch heraus gemeinsam den goldenen Mittelweg gehen …

Posted on April 27th, 2011 by Ordinarylife  |  1 Comment »