Generation Nachdenken
Wenn es etwas gibt, was viele Menschen unserer Generation prägt wie keine andere, ist es das ständige Neben-Sich-Treten und Reflektieren darüber, ob das, was man tut, das Richtige ist. So, als hätte man den Supervisor stets und überall hinter und neben sich. Ich kenne das vom Arbeiten, und noch viel mehr fällt mir dieses Verhalten an mir auf, seit ich Kinder habe. Nicht, dass ich ständig zweifle an dem, was ich tue und stets wankelmütig und wechselhaft erziehen würde, aber ich erwische mich dabei, dass ich häufig nachdenke und manchmal auch in Frage stelle. Zwei Beispiele, die mich in letzter Zeit gedanklich beschäftigen:
1. Bin ich ein Autokrat?
Meine Kinder dürfen mitentscheiden. Einmal die Woche jedes Kind, was es zum Mittagessen gibt. Zwischen zwei Outfits am Morgen, die wettertauglich sind. Im Supermarkt ein Lebensmittel, wenn wir einkaufen gehen. Welches Bilderbuch wir lesen. Ob sie mit der Oma telefonieren wollen oder nicht, wenn sie am Apparat ist. Ob sie einen Gutenachtkuss möchten oder nicht. Und ich appelliere an sie, auf ihren Bauch zu hören, wenn es darum geht, mit wem sie Kontakt aufnehmen, ob sie satt, müde, durstig und ähnliches sind …
Nun ist das mittlere Kind seit einiger Zeit mit einem Mädchen befreundet, deren Mutter das Kind IMMER fragt, was es möchte: ob es morgens in den Kindergarten MÖCHTE, ob es mittags etwas Warmes oder lieber nur Joghurt essen MÖCHTE, ob es Stiefel oder Sandalen bei 10 cm Schnee anziehen MÖCHTE, ob es nach drei Stunden Spielen nun mit nach Hause kommen MÖCHTE oder nicht. In vielen Dingen MÖCHTE das Mädchen (natürlich) nicht, und die Mutter gibt nach – sprich das Kind geht nicht in den Kindergarten, isst nicht zu Mittag, geht mit Röckchen durch den tiefen Schnee usw … – und wirkt dabei nicht gerade glücklich, sondern häufig unzufrieden, irgendwie in sich selbst verknotet.
Anfangs stand ich neben dieser Mutter und dachte “Oah, boah, Patricia, du bist ein Autokrat, echt du, was man ein Kind alles entscheiden lassen kann …!” Und ich trat neben mich und dachte und dachte … und bin mittlerweile für mich zu dem Ergebnis gekommen, dass ein Kind manche Dinge gar nicht allein entscheiden KANN und dass ich als Erwachsener in diesem Fall die Verantwortung dafür trage, dass das Leben die Struktur bekommt, die ich mir wünsche.
2. Bin ich eine Memme?
In unserem Kindergarten gibt es derzeit einen Praktikanten, der prima mit den Kindern umgehen kann – Raufen, Balgen, Knuffen, aber auch in Streitigkeiten dazwischen gehen, kurz gesagt, ich denke, der wäre prima geeignet, das Ganze zu seinem Job zu machen. Nun ist der Praktikant erst 16 und wird manchmal von ungestüm jugendlichem Leichtsinn gepackt. Am Freitag holte ich das Tochterkind hab und sah auf dem Weg zum Kindergarten, wie das Mädchen ca. zwei Meter über den Köpfen der Kinder flog. Hochgeworfen vom Lieblingspraktikanten und natürlich auch wieder aufgefangen. Und immer höher und höher. Ein Teil in mir weiß, dass das herrlich ist, dieses kribbelige Bauchgefühl, zu fliegen, danach wieder zu landen, sich auf den nächsten Flug zu freuen … Nur irgendwie war mir das Ganze zu hoch, und bei aller Mitfreude hatte ich Angst. Und ich dachte und dachte – das Wochenende darüber nach, ob ich jetzt etwas sage oder mich damit als Spaßbremse und Schisser oute, obwohl ich doch weiß, wie wichtig auch wildes Toben für Kinder ist. Heute habe ich dann mein ganzes Bauchgefühl der Erzieherin unserer Tochter aufs Tablett gelegt, und sie hat mich verstanden, sehr gut, und mir versprochen, dem jugendlichen Leichtsinn die allerschärfste Spitze zu nehmen, ohne den Jungen dabei in seinem Elan auszubremsen. Für mich stimmt das Ganze jetzt wieder.
Aber manchmal, manchmal wünsche ich mir, ich könnte mir das alles ein wenig einfacher machen mit dem Denken und Zweifeln und In-Frage-Stellen …
