Was bin ich?
Nee, heute abend gehts nicht um diese Ratesendung mit Robert Lembke, die ich früher auf dem Sofa mit meinen Großeltern geschaut habe (typische Handbewegung wäre sicherlich bei mir derzeit der Griff Kühl-Akku oder Feuchttuch
); sondern eher darum, dass ich letztens auf einem Blog kommentieren wollte und merkte, dass das Ganze für einen Kommentar zu lang wurde.
Was bin ich, wenn ich, wie seit eineinhalb Jahren, nicht mehr jeden Morgen ins Büro gehe, keine wichtigen Telefonate mit wichtigen Menschen mehr führe, nicht mehr in wichtigen Meetings sitze, keine wichtigen Verträge vorantreibe und das Wichtigste, am Ende des Monats keine Abrechnung mehr in der Tasche nach Hause trage? Als Arbeiterkind habe ich seit Studienbeginn gearbeitet, um über die Runden zu kommen, niemandem auf der Tasche zu liegen, weil es komisch war, nur BaföG zu beziehen und last but not least weil Arbeiten zu meinem Leben dazu gehörte. Als wir mit dem ersten Kind schwanger waren, war klar, ich möchte schnell wieder arbeiten, denn ein großer Teil meines Selbst definierte sich mittlerweile durch das, was ich tat. Arbeit bedeutete für mich Anerkennung, Spaß, geistige Anregungen und nicht zuletzt Geld. Ich hatte allerdings nicht damit gerechnet, dass mein Job mit der Geburt des Kindes weg sein könnte, unter der Hand weggemauschelt (”Sie haben doch jetzt ein Kind und können sicher in nächster Zeit keine Dienstreisen oder Überstunden machen!”) an einen strebsamen Kollegen, der weder schwanger war noch Teilzeit angemeldet hatte. Und weg war der Job, der Anerkennung, Spaß und geistige Anregungen bot – stattdessen ein langweiliger Routine-Job mit pünktlicher Lohn-Auszahlung.
Natürlich wurde das Ganze mit der Geburt des zweiten Kindes nicht unbedingt besser. Irgendwann aber verließen die herrschenden Männer das Unternehmen, eine Frau rückte nach und es ging aufwärts, da war er wieder, der Job mit Anerkennung, spannenden Themen, der ein oder anderen attraktiven Dienstreise – und manchmal habe ich es fast ein wenig bereut, mit Nummer 3 schwanger zu sein. Mitten in meiner Elternzeit dann ging meinem Unternehmen die Luft aus und ich war plötzlich “nur noch” Mutter. Ja, und da kam irgendwann, nicht gleich, eher Monate später, in mir die Frage auf: “Was bin ich? Worüber definiere ich mich? Was sind meine Erfolgserlebnisse? Was kann ich nicht so gut? Wo liegt meine Profession und wo bräuchte ich dringend eine Fortbildung
?”
Für meine Kinder war und ist klar: ich bin Maaamaaa, 24 Stunden am Tag, für die Erfüllung sinnvoller Wünsche und Verweigerung unsinniger Begehren verantwortlich, Vorleserin, Kuchenbäckerin, Basteltante, Chauffeuse, Friseuse, Masseuse, Salben-, Seelen- und Kühlakku-Therapeutin. Und ich? Wo waren meine Erfolgserlebnisse? Wenn die Kinder abends rosig und glücklich im Bett lagen? Wenn es am Tag Aha-Erlebnisse gab, wenn sie mich zu Tränen gerührt haben mit ihrer Liebe und ins Kissen haben beißen lassen mit ihrer Launenhaftigkeit und ich dennoch ruhig geblieben bin? Dass ich telefonieren, kochen, Nase putzen, Wickeln und Eltern-Info-Lesen gleichzeitig kann? Oder aber die kleingeistige Zufriedenheit nach einem umfassenden Hausputz, einem absolut geglückten Mousse au Chocolat? War das nicht ein bisschen wenig? Immerhin hatte ich studiert und war irgendwann mal wichtig …
Ja, und als ich letztens mein CV aufgefrischt habe zwecks Vorstellungsgesprächen in der Schule, da saß ich staunend vor meinem Lebensweg und dachte “Was? Das bin ich? Das habe ich mal gemacht? Bin ich das wirklich? Jetzt? Noch?” – und stellte fest, dass ich mich lange Jahre meines Lebens offenbar nur über meinen Beruf definiert habe, obwohl ich doch an vielen anderen Stellen im Leben (selbst)wirksam war.
Macht das überhaupt Sinn? In einer Zeit, in der einem von einem Tag auf den anderen der Boden unter den beruflichen Füßen weggezogen werden kann durch Kündigung, Krankheit, Entlassung, psychische Probleme u.ä.? Und warum halten wir bei 3,6 Millionen Arbeitslosen daran fest, dass wir uns daran messen, was wir an Erwerbsarbeit leisten? Und all die, die morgens nicht ins Büro, an die Baustelle, an die Fließbänder, hinters Steuer, in den OP-Saal wandern, sind die nichts, obwohl sie leben, arbeiten, denken, helfen, da sind? ”Nur” Hausfrau, “nur” Rentner, “spätrömisch dekadent” und und und … Beim Grüben über die spätrömische Dekadenz (dekadent im Alten Rom waren aber meines Erachtens die Herrschenden, nicht die Unterschicht) kam ich auf Hannah Arendts “Vita Activa”, mein Prüfungsthema, dachte darüber nach, dass irgendwann einmal der Homo Politicus, der denkende und handelnde Mensch großen Wert hatte und sich die Verhältnisse in der Neuzeit umgekehrt haben – das Animal Laborans, das “Arbeitstier” zum beherrschenden Grundbegriff geworden ist.
Und eigentlich, um ehrlich zu sein, stehen wir doch wieder an einer Zeitenwende, egal wie laut die Gewerkschaften nach Vollbeschäftigung für alle rufen. Und womit können wir die Leerstelle füllen, wenn die Akzeptanz für unbezahlte soziale Tätigkeit in Familien und Ehrenämtern absolut gering ist und den Lebenslauf nicht krönt, sondern entstellt? (lauter Fragen, ich weiß, und keine Antworten …)
